Luftschlacht um England

    Aus Lexikon Drittes Reich

    im engeren Sinne der Kampf der deutschen Luftwaffe gegen die Royal Air Force (RAF) 1940/41 um die Luftherrschaft über dem Kanal und Südengland; allgemein alle Angriffe 1940-45 auf Ziele in Großbritannien, die wegen der Insellage nur aus der Luft geführt werden konnten. Da England nach der Niederlage Frankreichs nicht aufgab, musste die Wehrmacht die Entscheidung durch eine Landung in Großbritannien suchen. Diese aber war nach den Vorstellungen des Heers nur möglich, wenn es gelang, die RAF auszuschalten. Am 2. 7. 40 gab das OKW den drei Wehrmachtteilen erstmals von der Entscheidung Hitlers Kenntnis, unter bestimmten Voraussetzungen, zu denen angesichts der Schwäche der Kriegsmarine die Erringung der Luftherrschaft gehörte, in Südostengland zu landen (Unternehmen "Seelöwe"). Nach einer Weisung vom 30. 6. 40 sollte die Luftschlacht sich zunächst gegen die britische Luftwaffe und ihre Bodenorganisation sowie die Luftrüstungsindustrie richten. Für "Seelöwe", so befahl Hitler am 1. 8. 40, müsse die Luftwaffe dann aber "kampfkräftig zur Verfügung stehen" (Weisung Nr. 17).

    Am 13. 8. 40 ("Adlertag") konnte die deutsche Luftwaffe in den Luftflotten 2, 3 und 5 in Frankreich, Belgien und Norwegen über 875 einsatzbereite Bomber, 316 Sturzbomber, 45 Fernaufklärer, 702 Jäger und 227 Zerstörer aufbieten. Sie flogen an diesem ersten Tag der Luftschlacht um England 1 485 Einsätze und verloren 34 Flugzeuge. Am 24. 8. fielen erstmalig unbeabsichtigt Bomben auf London, was Hitler bis dahin verboten hatte. Bis zum 31. 8. 40 warf die deutsche Luftwaffe in 4 779 Einsätzen 4 638 t Bomben auf England und büßte dabei 215 Bomber und 252 Jäger ein. Die RAF verlor 359 Jäger. Obwohl das erste Ziel, Ausschaltung der britischen Jagdabwehr, nicht erreicht worden war, begannen am 7. und in der Nacht zum 8. 9. 40 mit 625 Bombern, bei Tag von 648 Jägern gesichert, Großangriffe auf London, denen danach 65 Nächte lang weitere folgten. Im September 40 flog die deutsche Luftwaffe 7 260 Einsätze gegen Großbritannien. Die ansteigenden Verluste zeigten, dass die britischen Jäger keineswegs geschlagen waren, ihre Zahl konnte durch Neuproduktion auf gleicher Höhe gehalten werden. Tagesangriffe, die ausreichend Treffsicherheit gewährleisteten, mussten infolge der Verluste und des schlechten Herbstwetters aufgegeben werden. Die Reichweite der deutschen Jäger war zu gering, um den Bombern genügend Schutz zu bieten. Lückenlose Radar-Überwachung schloss Überraschungsangriffe aus. Die Zerstörer Me 110 zeigten sich ihren Aufgaben als Fernjäger nicht gewachsen, die Sturzbomber mussten nach schweren Ausfällen zurückgezogen werden.

    Die Wirkung der nun folgenden Nachtangriffe gegen die britischen Industrie wurde von deutscher Seite stark überschätzt. Selbst die Zerstörungen in London oder in Coventry (14./15. 11. 40) konnten den Widerstandswillen der britischen Bevölkerung nicht brechen, genauso wenig wie dies später bei weitaus schrecklicheren Angriffen der alliierten Bomber bei der deutschen Bevölkerung gelang. Der Aufmarsch der deutschen Luftwaffe für den Russlandfeldzug zwang zum Abbruch der Luftschlacht. Sie hatte zwar schwere Schäden angerichtet und 41 294 britische Zivilisten getötet sowie 52 128 verletzt (1. 7. 40-31. 5. 41), aber das Ziel, England friedensbereit zu machen oder auch nur die Vorbereitungen für eine Landung zu schaffen, war nicht erreicht worden; "Seelöwe" musste aufgegeben werden. Die deutsche Luftwaffe hatte vom 1. 8. 40-31. 3. 41 insgesamt 1 142 Bomber, 802 Jäger, 330 Zerstörer und 128 Sturzbomber als Totalverluste abbuchen müssen.

    Am 14. 4. 42 erging Hitlers Befehl, der Luftkrieg gegen England sei in "erhöhtem Maße angriffsweise zu führen". Hierbei sollten Ziele ausgewählt werden, "deren Bekämpfung möglichst empfindliche Rückwirkungen für das öffentliche Leben mit sich bringt". Vom 23. 3.-31. 10. 42 bombardierte die deutsche Luftwaffe mit schwachen Kräften 22 britische Städte mit wertvollen alten Bauten wie Exeter, Canterbury, Norwich, York ("Baedeker-Angriffe") als "Vergeltung" für Angriffe der RAF auf die mittelalterlichen Stadtkerne von Lübeck, Rostock u. a. 1943 kam es zu 1 975 Nachteinsätzen (105 Flugzeugverluste) gegen britische Häfen und Industriestädte. 434 Jagdbomberangriffe (25 abgeschossen) bei Tag richteten sich gegen 15 Städte. Obwohl Flugzeuge an allen Fronten fehlten, befahl Hitler 1944 weitere "Vergeltungsangriffe". In der Nacht zum 22. 1. 44 bombardierte das IX. Fliegerkorps mit 447 Flugzeugen London. Diese "Baby-Blitz" genannten Nachtangriffe dauerten bis zum 29. 5. 44 (4 269 Einsätze bei 329 Verlusten).

    Die letzte große Prüfung für die britische Bevölkerung war die Beschießung mit den so genannten V-Waffen (V für "Vergeltung"): Von der Flugbombe V1 wurden vom 12. 6. 44 bis 29. 3. 45 10 492 Stück abgefeuert (3 000 stürzten beim Start ab, 3 957 vernichtete die britische Abwehr); sie töteten 6 184 Zivilisten und verwundeten 17 981. Auf Südengland fielen zudem vom 8. 9. 44-27. 3. 45 1 045 Fernraketen vom Typ A4 (V2), gegen die es keine Abwehr gab; dabei starben 2 754 Zivilisten, 6 523 wurden verletzt. Das "Wunder" der Kriegswende, das die deutsche Propaganda bei ihrem Einsatz beschworen hatte, konnten sie nicht vollbringen.