Münchener Abkommen

    Aus Lexikon Drittes Reich

    am 30. 9. 38 geschlossener Vertrag der Regierungschefs des Deutschen Reichs (Hitler), von Italien (Mussolini), Großbritannien (Chamberlain) und Frankreich (Daladier). Er zwang die Tschechen zur Abtretung des Sudetengebiets zwischen 1. und 10. 10., zu einer international überwachten Volksabstimmung in weiteren Gebieten und einer entsprechenden Regelung für die polnischen und ungarischen Minderheiten und stellte der Tschechoslowakei eine - freilich nie verwirklichte - internationale Garantie in Aussicht. Im Münchener Abkommen kulminierten drei Entwicklungslinien:

    Innertschechisch: Obwohl die Tschechen in ihrer 1918 gegründeten Mehrvölkerrepublik in der Nationalitätenpolitik ohnehin nicht immer eine glückliche Hand bewiesen hatten, bedeutete die politisch-ideologische Gleichschaltung der Sudetendeutschen Partei mit der Berliner Politik ab Ende 33 eine zusätzliche Belastung für die innertschechische Stabilität. Die Sudetenkrise eskalierte "planmäßig" entsprechend Hitlers Weisung an Henlein vom 28. 3. 38, stets mehr zu fordern, als die Tschechen erfüllen könnten.

    Großdeutsch-expansiv: Hitler ging unmittelbar nach dem Anschluss Österreichs (Weisungen für den "Fall Grün" vom 21. 4. und 30. 5. 38) an die Verwirklichung seiner Pläne, die Tschechoslowakei zu "zerschlagen" (Hoßbach-Niederschrift). Das geschickt instrumentalisierte und dramatisch propagierte Prinzip der nationalen Selbstbestimmung war für ihn nur ein Hebel zur Erreichung weiterer geostrategischer und ökonomischer Etappenziele auf dem Weg zur Ostexpansion: Vernichtung der vorgeschobenen tschechischen Bastion der Sowjetunion, Aufhebung der Flankenbedrohung, Verbreiterung der Wirtschaftsbasis, Glacis für den Aufmarsch gegen Osten.

    Englisch-französische "Appeasement"-Linie: Die britische und in ihrem Schlepptau die französische Regierung sahen keinen Anlass, die scheinbare Verwirklichung des von ihnen selbst mitproklamierten Prinzips der nationalen Selbstbestimmung zu blockieren, schätzten ihre Möglichkeiten zu militärischen Hilfeleistungen für eine bereits international isolierte Tschechoslowakei im Konfliktfall äußerst gering ein und verfolgten im Rahmen des Appeasement nur das Ziel, die an sich längst zugestandenen Grenzrevisionen ohne Gesichtsverlust friedlich am Verhandlungstisch abzuwickeln. Der im Grundsatz also seit langem festgelegte Ereignisablauf erfuhr nach dem Treffen Hitler-Chamberlain in Berchtesgaden (15. 9.) und in Godesberg (22.-24. 9.) bis hin nach München noch durch die von Hitler ultimativ vorgenommene Verschärfung der Revisionsmodalitäten eine dramatische Eskalation bis an den Rand eines europäischen Kriegs (26.-28. 9.), ehe auf Vermittlung des Auswärtigen Amts und Mussolinis die "Großen Vier" am 29. 9. in München zusammentraten.

    Das Münchener Abkommen, ein frühes Beispiel moderner "Gipfeldiplomatie", rettete den Frieden für ein Jahr, schloss die "revisionistische Phase" der Hitlerschen Außenpolitik ab, verwies den tschechischen "Reststaat" für eine "Atempause" von knapp sechs Monaten (15. 3. 39 deutscher Einmarsch) als Satelliten an die Seite Deutschlands und brachte eine tiefe und folgenschwere Entfremdung zwischen den Westmächten und der Sowjetunion (Deutsch-Sowjetischer Nichtangriffsvertrag).