Martin Bormann

    Aus Lexikon Drittes Reich

    deutscher Politiker

    geboren: 17. Juni 1900 in Halberstadt gestorben: 2. Mai 1945 in Berlin


    Der Sohn eines Postbeamten besuchte das Realgymnasium in Weimar und verließ es mit der mittleren Reife. Am Ende des Ersten Weltkriegs noch bei einem Feldartillerie-Regiment in Parchim ausgebildet, gelangte er nicht mehr an die Front. 1919 trat er als Landwirtschaftseleve in die Dienste des Guts Herzberg bei Parchim (Herrschaft von Treuenfels) und wurde innerhalb weniger Jahre Gutsinspektor. Schon hierbei fielen Eigenschaften ins Gewicht, die Bormanns Aufstieg ins Machtzentrum des Nationalsozialismus und des Dritten Reichs wesentlich begünstigten, Qualitäten, die allesamt ins Negative gewendet werden können (und wurden): Fleiß bis zur Unermüdlichkeit, Umsicht, Verlässlichkeit, Gedächtnis, Organisationstalent. Im völkisch-nationalsozialistischen Klima antiweimarischer Opposition gehörte das agrarische Mecklenburg zu den Zufluchts- und Agitations-Aufenthalten von Geheimbünden. Dort geschahen auch Fememorde gegen Abtrünnige und "Verräter". An einem von ihnen war Bormann beteiligt: Der Lehrer Walter Kadow, ehemaliges Mitglied des Freikorps Roßbach, wurde getötet unter dem Verdacht, kommunistischer Spitzel zu sein. Bormann erhielt wegen Begünstigung und Beihilfe ein Jahr Gefängnis.


    Er kehrte in seine Jugendheimat Weimar zurück und wurde Mitarbeiter in der Wochenzeitschrift "Der Nationalsozialist". Bormann schrieb nicht, machte sich vielmehr unentbehrlich durch vielfältige Hilfsdienste. 1927 trat er als Mitglied Nr. 60508 in die NSDAP sowie in die SA ein. Für Gauleiter Sauckel organisierte er Wahlveranstaltungen und bereitete Hitlers Auftritte in Weimar vor. Man erkennt hier schon zielbewusste Arbeit am eigenen Hochkommen: die Kombination von rastloser Tätigkeit im Hintergrund und ständiger Präsenz auf der Bühne. Sooft Hitler auftauchte, war Bormann an seiner Seite zu sehen. Aber er war der geborene Diener und Zuarbeiter, der Apparatmensch, selber unfähig aufzutreten, zu reden, zu repräsentieren. So viele Bilddokumente auch Bormann zeigen – gedrungen, stiernackig, robust –, er blieb unbekannt. Hitlers schweigsamer Schatten, dafür um so emsiger im zweiten Glied.


    Bormann schlug dem Obersten SA-Führer Pfeffer eine motorisierte SA vor, was Hitlers technischen Sinn begeisterte. Pfeffer berief Bormann 1928 in die Parteizentrale nach München, womit die eigentliche Karriere begann. Der agile, in Geldsachen ebenso versierte wie zuverlässige Bormann übernahm und erweiterte die Hilfskasse der Partei, deren Gelder v. a. verletzten oder getöteten SA-Männern bzw. ihren Familien zugute kamen. 1929 heiratete er Gerda Buch, Tochter des Obersten Parteirichters. Hitler nahm an der Trauung teil. Aus der typisch nationalsozialistischen Ehe gingen zehn Kinder hervor. Mit Duldung der Ehefrau unterhielt Bormann etliche Liebschaften, wurde darin sogar von ihr noch bestärkt. Allen Ernstes schlug sie eine Ehe zu dritt vor, damit er dem Staat weiteren wertvollen Nachwuchs sichern könne.


    Mit Hitlers Machtübernahme verlor die Parteikasse ihre Funktion. Bormann bewarb sich beim Führer-Stellvertreter Heß um einen anderen Parteiposten. Heß ernannte ihn im Juli 33 zu seinem Stabsleiter. Im gleichen Rang stand aber auch Ley, Reichsorganisationsleiter der NSDAP. In dem nun entbrennenden Kompetenzenstreit drängte Bormann den Rivalen um so leichter aus seinen ungenau abgegrenzten Zuständigkeiten, als Ley auch noch mit anderen Ämtern überhäuft war (Deutsche Arbeitsfront u. a.) und in Disziplin und Lebensführung keineswegs mithalten konnte. Im Grunde war Bormann schon jetzt Chef des Parteibüros, ohne die versponnene Realitätsferne seines Vorgesetzten Heß illoyal gegen ihn auszunutzen. Aber unermüdlich knüpfte er das Geflecht seines Machteinflusses fester; alles lief über ihn, nichts entging ihm. Die delegierte Herrschaft nutzte er zu lückenloser Kontrolle der Parteigliederungen, "regierte mit Befehlen, Formularen, Listen und Rundschreiben" (v. Lang).

    Daneben festigte Bormann systematisch seinen Platz an der Seite Hitlers: war sein lebender Aktenschrank, der alle Äußerungen auf Abruf und Wiederverwendung festhielt, der die Privatschatulle des Führers verwaltete und die Adolf-Hitler-Spende der deutschen Wirtschaft z. T. in aufwendige Bauvorhaben auf dem und um den Obersalzberg (Berghof) investierte. Aus fragwürdigen Finanzquellen entstanden daneben eine Reihe eigener Domizile für die zuletzt zwölfköpfige Bormannsippe: in Pullach (Sonnenstraße), auf dem Obersalzberg, in Mecklenburg, im Schwarzwald.


    Mit Kriegsbeginn wurde Bormann für Hitler vollends unersetzlich. Der Diktator, zielstrebiger, stetiger Arbeit abhold, hatte in Bormann den Systematiker von absoluter Zuverlässigkeit; innenpolitisch schon immer wenig interessiert, delegierte er an ihn von nun an die gesamte Kommunikation mit dem innerstaatlichen Machtträger NSDAP (der dafür eigentlich Zuständige, Heß, trat zunehmend in den Hintergrund). Damit aber trugen auch alle ideologischen Kampfmaßnahmen im Inneren mindestens anteilig, zuweilen vorherrschend den Stempel bormannscher Aktivität: die Euthanasie, der Kirchenkampf, die Judenverfolgung. Moralische Hemmungen sind bei Bormann nirgends erkennbar. So weit seine Kompetenzen reichten, und oft darüber hinaus, war er ein fanatischer Vollstrecker des nationalsozialistischen Rassenprogramms und der Herrenmenschenmentalität. Dazu kam der gefährliche Machtehrgeiz, den alle fürchteten und der nur wenige Rücksichten nahm: erkennbar auf Himmler, mit dem Bormann befreundet war, auf Goebbels, dessen Kreise er nicht störte, und v. a. auf Hitler, dem er als Einzigem vorbehaltlos und unbedingt ergeben blieb. Davon abgesehen gilt der Ausspruch von Speer: "Ein paar kritische Worte Hitlers, und alle Feinde Bormanns wären ihm an die Gurgel gesprungen." Diese Worte aber blieben aus, denn Hitler wusste, was er an ihm hatte: "Ich weiß, dass Bormann brutal ist. Aber was er anpackt, hat Hand und Fuß, und ich kann mich absolut darauf verlassen, dass meine Befehle sofort und über alle Hindernisse hinweg zur Ausführung kommen."


    So herrschte Bormann in Hitlers Namen im Reich (nur die militärischen Belange blieben unberührt) und wurde als "General der Fernschreiber" verspottet. Da Hitlers Anweisungen nicht selten einander widersprachen, wählte Bormann aus seiner lückenlosen Kartei stets die schärfsten Fassungen und wandelte sie in Führerbefehle um. Seine Macht im Schatten Hitlers verstärkte sich noch, als Heß im Mai 41 nach England geflogen war und Bormann zum Leiter der Parteikanzlei und bald offiziell zum "Sekretär des Führers" aufrückte (April 43); von Heß übernahm er auch den Rang eines Reichsministers. Je weiter der Krieg fortschritt, desto enger wurde das Arbeitsverhältnis zwischen Bormann und Hitler. Einfach schon durch seine Allgegenwart wurde Bormann zum engsten Vertrauten; Urlaub, Krankheit – das kam nicht vor. Er arbeitete bis zwanzig Stunden täglich und machte "aus der Parteikanzlei eine Papierkanzlei" (Goebbels). Er selbst prägte, einen Ausspruch Jesu zynisch abwandelnd, das selbstbewusste Wort: "Niemand kommt zum Führer denn durch mich!" Dessen Kriegspolitik und die damit verbundenen Verbrechen waren letztlich eigenverantwortete Entscheidungen; aus vielen Anhaltspunkten aber ergibt sich, dass Bormann mehr als einmal verschärfend und fanatisierend mitgewirkt hat.

    Im Bunker unter der Reichskanzlei hielt Bormann bis zum Selbstmord seines Herrn aus, der ihn im politischen Testament zum Parteiminister erhob, im privaten "meinen treuesten Parteigenossen" nannte. Am 1. 5. 45 versuchte Bormann den Ausbruch aus dem eingeschlossenen und umkämpften Berlin, zweifelte aber selber am Gelingen: "... viel Zweck hat es nicht mehr." Jahrzehnte blieb er verschollen. Im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher wurde er in Abwesenheit zum Tod verurteilt. Erst Anfang der 70er Jahre gelang der Nachweis, dass Bormann schon den Fluchtversuch 1945 nicht überlebt hatte, als man bei der Invalidenbrücke in Berlin sein Skelett fand, mit sicheren Spuren des Freitods durch Zyankali. Seit 1973 gilt sein Tod als amtlich erwiesen.