Martin Niemöller

    Aus Lexikon Drittes Reich

    deutscher evangelischer Theologe

    geboren: 14. Januar 1892 in Lippstadt gestorben: 6. März 1984 in Wiesbaden


    1910 zur kaiserlichen Marine, 1915 U-Boot-Dienst, 1918 Kommandant von UC 67. Erschüttert von der "Schande des 9. November" (1918) und nicht bereit, der Republik als Soldat zu dienen, gab Niemöller den Offiziersberuf auf und begann am 3. 10. 19 in Münster das Theologiestudium: 29. 6. 24 Ordination, 1924-30 Geschäftsführer der Inneren Mission Westfalen, 1. 7. 31 Übernahme einer Pfarrstelle in Berlin-Dahlem. Niemöller, der nach eigenen Angaben seit 1924 immer NSDAP gewählt hatte, wurde schon bald nach der Machtergreifung zu einem Zentrum des evangelischen Widerstands gegen die nationalsozialistischen Gleichschaltungspläne für die evangelische Kirche und gegen die weltanschauliche Unterwanderung des christlichen Glaubens. Deshalb schloss er sich den Jungreformatoren an und reagierte auf die Versuche der Deutschen Christen, den Arierparagraphen in der Kirche einzuführen, am 21. 9. 33 mit der Gründung des Pfarrernotbunds. Er erreichte mit seinen Forderungen u. a. nach Ablösung von Reichsbischof L. Müller am 25. 1. 34 zusammen mit anderen Kirchenführern eine Audienz bei Hitler, auf der es zu einem erregten Wortwechsel zwischen dem Kanzler und Niemöller kam. Von da an war die Gestapo Dauerbesucher im Dahlemer Pfarrhaus. Niemöller wurde am 1. 3. 34 amtsenthoben, nach Protesten der Gemeinde und Urteil des Landgerichts Berlin vom 5. 7. 34 aber wieder eingesetzt.

    Der auch wegen seiner nationalen Haltung und soldatischen Vergangenheit – 1934 erschien sein Buch "Vom U-Boot zur Kanzel" – äußerst populäre Niemöller wurde in der Folgezeit zu einem Kristallisationspunkt der Bekennenden Kirche, gehörte ihrem Bruderrat ab der Barmer Bekenntnissynode (29.-31. 5. 34) an und war nach Meinung seines Freundes Barth der personifizierte Kirchenkampf. Am 1. 7. 37 wurde er schließlich verhaftet wegen angeblichen Kanzelmissbrauchs, Vergehen gegen das Heimtückegesetz (u. a. Verunglimpfung des Kirchenministers Kerrl) und Aufforderung zum Ungehorsam. Das Sondergericht Berlin-Moabit verurteilte ihn am 2. 3. 38 zu sieben Monaten Festungshaft, die als verbüßt galten. Dennoch wurde Niemöller sofort nach der Verhandlung erneut festgenommen und als "persönlicher Gefangener des Führers" ins KZ Sachsenhausen eingeliefert. Trotz internationaler Proteste und zahlreicher Petitionen blieb er bis Kriegsende in Haft. Er machte dabei eine theologische Krise durch und erwog den Übertritt zum Katholizismus. Das führte 1941 zu seiner Verlegung nach Dachau, wo er mit katholischen Priestern zusammen hauste, weil sich die nationalsozialistischen Führung davon den letzten Anstoß zu seiner Konversion und damit zur "Enthauptung" der Bekennenden Kirche erhoffte. Das Gegenteil trat ein: Niemöller fand neues protestantisches Selbstbewusstsein und wurde zugleich entschiedener Vertreter der ökumenischen Bewegung.

    Nach der Befreiung wurde Niemöller Präsident des Kirchlichen Außenamts, war Mitverfasser des Stuttgarter Schuldbekenntnisses und 1947-64 Kirchenpräsident der hessischen Landeskirche. Er blieb weiter unbequem, bekämpfte die deutsche Wiederaufrüstung, warb um Verständigung mit dem Osten und unterstützte in seinen letzten Jahren engagiert die Friedensbewegung.