Medizin

    Aus Lexikon Drittes Reich

    Wissenschaft von den Ursachen, Erscheinungsformen, der Vorbeugung und Heilung menschlicher Krankheiten (Humanmedizin). Die Medizin im Nationalsozialismus war v. a. durch Menschenversuche in den KZ und die so genannte Euthanasie, die Ermordung Geisteskranker, belastet. Sie war beherrscht von zwei Grundgedanken: Aufartung der nordischen Rasse bei gleichzeitiger Ausmerze von Artfremdem und Schwachem sowie Primat der Volksgesundheit vor der Individualgesundheit, gleichbedeutend mit einer Veränderung der ärztlichen Ethik, die die Verantwortung für das Kollektiv vor die für den Einzelnen stellte. In beiden Bereichen wurden Vorstellungen aufgegriffen, die seit der Jahrhundertwende diskutiert wurden und ihre Wurzeln im Sozialdarwinismus hatten. Ziel der Medizin sollte es demnach sein, die durch Kultureinflüsse aufgehobenen Darwinschen Gesetze auch für den Menschen wieder zur Geltung zu bringen. Für den Bereich der Aufartung war v. a. die Rassenhygiene zuständig, die als Pflichtfach an allen medizinischen Fakultäten ebenso wie im Schulunterricht eingeführt wurde. Praktische Auswirkungen waren das Erbhofgesetz, die Gründung des Lebensborns und die Nürnberger Gesetze.

    Die Ausmerze verlief in drei Stufen:

    1. Durch das Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses wurde im Juli 33 die Grundlage für die Zwangssterilisation in großem Umfang geschaffen; dabei griff man auf Vorarbeiten der Weimarer Zeit zurück, wo jedoch stets die Zustimmung des Sterilisanden gefordert wurde. In diesen Zusammenhang gehört auch das Gesetz zum Schutz der Erbgesundheit vom Oktober 38.#Die Euthanasie, die 1939 zunächst als Kindereuthanasie, dann als Aktion T4, danach als Aktion 14f13 und später als "wilde" Euthanasie durchgeführt wurde und bei der v. a. psychisch Kranke die Opfer waren.#Nach der Wannseekonferenz die Ermordung der Juden, "Zigeuner" und anderer Gruppen in den Vernichtungslagern. Aus dem sozialdarwinistischen Ansatz ist auch die Arbeits- und Leistungs-Medizin des Dritten Reichs zu verstehen. In ihrem Dienst standen die neu gegründete vertrauensärztliche Organisation, die Arbeitseinsatzärzte und die Betriebsärzte mit dem Ziel, die Leistungsfähigkeit und den Leistungswillen der Gesunden zu stärken und den Krankenstand in den Betrieben zu senken. Der Mensch war in dieser Sicht nicht mehr Subjekt, sondern Objekt der Medizin.

    Zu Beginn des Dritten Reichs hatten die Nationalsozialisten versucht, auch in der Medizin eine Revolution einzuleiten. Ihr Ziel war eine Neue Deutsche Heilkunde, die insbesondere von Heß und Streicher gefördert wurde und die sich von der so genannten jüdischen Fabrik-Medizin und der Schul-Medizin absetzen sollte. In der Weimarer Zeit erstarkte Laienbewegungen und die Heilpraktiker sollten in sie integriert werden. 1935 wurde die Reichsarbeitsgemeinschaft für eine Neue Deutsche Heilkunde geschaffen, die jedoch nur kurzzeitig Bestand hatte. Im Dresdener Rudolf-Heß-Krankenhaus wurde versucht, Schulmedizin und Naturheilkunde im Sinne einer biologischen Medizin zu vereinigen. Das 1939 verabschiedete Heilpraktikergesetz ist ebenfalls in diesem Zusammenhang zu sehen.

    Die Heilpraktiker, die mit diesem Gesetz erstmals anerkannt wurden, spielten in der Gesundheitsversorgung eine besondere Rolle, v. a. nach der Ausschaltung der jüdischen und sozialistischen Ärzte, die ihren Schlusspunkt in der 4. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom Juli 38 fand: Zum 30. 9. 38 wurde die Bestallung aller jüdischen Ärzte für erloschen erklärt. Von den ca. 9 000 jüdischen Ärzten, die am 1. 4. 33 im Deutschen Reich tätig waren, wurden danach noch 709 als so genannte Krankenbehandler für jüdische Patienten zugelassen. Die Verdrängung der jüdischen Ärzte war von Anfang an eine Grundforderung insbesondere des Nationalsozialistischen Deutschen Ärztebunds gewesen, der die so frei gewordenen Stellen mit jungen arbeitslosen "arischen" Medizinern besetzen wollte. Wieweit gerade diese Forderung für den hohen Organisationsgrad der Ärzte in der Partei und ihren Gliederungen verantwortlich war, ist noch nicht geklärt. Dieser betrug ca. 45 % und lag damit doppelt so hoch wie der der Lehrer.

    Die organisatorische Gleichschaltung der Ärzte erfolgte durch die Zerschlagung der Krankenkassen und die Gründung der Kassenärztlichen Vereinigung Deutschlands, durch die Auflösung der ärztlichen Spitzenverbände, die Gründung der Reichsärztekammer und durch den Erlass der Reichsärzteordnung. An der Spitze der deutschen Ärzteschaft stand nun ein Reichsärzteführer, zunächst G. Wagner, danach ab 1939 Conti.