Menschenversuche

    Aus Lexikon Drittes Reich

    an Versuchspersonen ohne deren Einwilligung vorgenommene medizinische Experimente. In den Jahren 1941-44 wurden in verschiedenen KZ an Häftlingen Menschenversuche durchgeführt, die drei Zielen dienen sollten: 1. Erkenntnisse für die Kriegführung zu gewinnen; 2. Arzneimittel, Gifte und Impfstoffe zu prüfen; 3. rassenhygienische Maßnahmen zu erproben, v. a. die Zwangssterilisation ganzer Populationen.

    Zu 1.: Unterdruck- und Unterkühlungsversuche im KZ Dachau, die der Rettung abgeschossener Kampfflieger dienen sollten; der Tod der Versuchspersonen wurde dabei nicht nur in Kauf genommen, sondern gehörte zum Experiment. Über diese Versuche wurde auf einer wissenschaftliche Tagung 1942 in Nürnberg diskutiert und im "Zentralblatt für Chirurgie" berichtet. In Dachau liefen auch Versuche zur Trinkbarmachung von Meerwasser, wobei verschiedene Verfahren an Häftlingen, die aus Buchenwald überstellt worden waren, getestet wurden.

    Zu 2.: Fleckfieberversuche in den KZ Buchenwald und Struthof, Malariaversuche in Dachau; in Buchenwald waren außerdem Hepatitisversuche geplant. Um die Wirkung von Sulfonamiden zu erproben, wurden im KZ Ravensbrück jungen Polinnen schwer infizierte Wunden beigebracht. Auch darüber wurde öffentlich berichtet. Ebenfalls in Ravensbrück liefen Knochenregenerations- und Transplantationsversuche, in Dachau weitere Phlegmonenversuche. Versuche mit Lost und Phosgen fanden in den KZ Sachsenhausen und Struthof statt. Bei allen diesen Experimenten wurde der Tod der Versuchspersonen billigend riskiert.

    Zu 3.: Vorarbeiten für Massensterilisationen mit Medikamenten, Röntgenstrahlen und durch intrauterine Reizwirkung in den KZ Auschwitz und Ravensbrück. Hierher gehört auch die jüdische Skelettsammlung der Reichsuniversität Straßburg, für die mindestens 80 jüdische Häftlinge ermordet wurden.

    Im Nürnberger Ärzteprozess 1946/47 wurden sieben an den Menschenversuchen beteiligte Mediziner zum Tod, sieben zu lebenslanger Haft verurteilt.