Nationalsozialistische Volkswohlfahrt

    Aus Lexikon Drittes Reich

    (NSV), angeschlossener Verband der NSDAP (ab 29. 3. 35), entstanden aus sozialfürsorgerischen Initiativen der Partei im Vorfeld der Machtergreifung, etabliert mit Verfügung Hitlers vom 3. 5. 33, Sitz: Berlin. Die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt war zuständig "für alle Fragen nationalsozialistischer Wohlfahrtspflege und Fürsorge" und wurde gelenkt vom Hauptamt für Volkswohlfahrt in der Reichsleitung der Partei, dessen Leiter Hilgenfeldt in Personalunion "Reichswalter" der NSV und Reichsbeauftragter für das Winterhilfswerk war. Regional gegliedert wie die Partei (Gau-, Kreis-, Ortsgruppenverwaltungen, Zellen und Blocks) und fachlich aufgeteilt in sechs Ämter (Organisation, Finanzverwaltung, Wohlfahrtspflege und Jugendhilfe, Volksgesundheit, Propaganda, Schulung), betreute die NSV "bedürftige Volksgenossen", sofern sie politisch, rassisch und erbbiologisch "würdig" waren, parallel zu den staatlichen Wohlfahrtseinrichtungen. Die Hilfe sollte dabei immer als "Erziehung zur Selbsthilfe" gedacht sein und sich nicht an der Not des Einzelnen orientieren, sondern einen "möglichst hohen Leistungsstand des deutschen Volkes" sichern helfen. "Hoffnungslose Fälle" wie Alkoholiker und entlassene Sträflinge waren daher Stiefkinder der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, die letztlich im Dienst des nationalsozialistischen Imperialismus stand: "Wir müssen ein gesundes Volk besitzen, um uns in der Welt durchsetzen zu können" (Goebbels auf dem Reichsparteitag September 38).

    Innenpolitisch war die NSV ein Instrument der Sozialpolitik und trug mit ihren zahlreichen Hilfseinrichtungen wesentlich zur propagandistischen Selbstdarstellung des Nationalsozialismus als "Sozialismus der Tat" bei, diente der Gleichschaltung der Verbände der freien Wohlfahrtspflege (Caritas, Innere Mission, DRK u. a.) im März 34 in einer von der NSV geführten Reichsgemeinschaft und zur Verzahnung von Partei und Staat auch auf sozialpolitischem Sektor: Im April 41 zog die NSV staatliche Kompetenzen der Kinder- und Jugendbetreuung an sich und am 22. 8. 44 verfügte Hitler schließlich pauschal, die NSV sei "Träger und Repräsentant der Volkspflege". Personell waren ohnehin auf allen Ebenen Positionen im staatlichen Fürsorgebereich und in der NSV oft in einer Hand.

    Die Leistungen der NSV wurden v. a. durch die halbfreiwilligen Beiträge der elf Millionen Mitglieder (1938) und Einkünfte aus dem Winterhilfswerk finanziert und durch die ehrenamtliche Tätigkeit von fast einer Million Mitarbeitern ermöglicht. Im Vordergrund standen Gesundheitspflege und -beratung u. a. durch das Hilfswerk Mutter und Kind, Kuren, Tuberkulosebekämpfung, zahnmedizinische Reihenuntersuchungen u. a., während die oft betonte Behindertenfürsorge in engen Grenzen blieb. Darüber hinaus gab es zur Verdrängung der kirchlichen Bahnhofsmission den NSV-Bahnhofsdienst; ein "Hilfswerk für die deutsche bildende Kunst" sollte notleidende Künstler fördern, die den nationalsozialistischen Anforderungen entsprachen; das Ernährungshilfswerk unterstützte die Autarkiebestrebungen. Alle Leistungen und Programme der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt wurden propagandistisch flankiert und mit weltanschaulicher Indoktrination verbunden. Die ambulanten Beratungen wurden durch rassenhygienische Belehrungen ergänzt, "Mütterfreizeiten" zu politischen Unterweisungen genutzt nach dem Grundsatz der NSV, dass neben der sozialen Hilfe die "noch höher zu bewertende politische Leistung" stehen müsse.