Paul Anton de Lagarde

    Aus Lexikon Drittes Reich

    deutscher Kulturphilosoph

    geboren: 2. November 1827 in Berlin gestorben: 22. Dezember 1891 in Göttingen


    (bis 1854 Bötticher), Studium der evangelischen Theologie und der Sprachwissenschaft (Schüler u. a. von Jacob Grimm), Übertragung der textkritischen Methoden auf die biblischen Texte; zunächst Gymnasiallehrer, 1869 Professor für orientalische Sprachen in Göttingen. Neben seiner wissenschaftlichen Bedeutung machten Lagarde kulturkritische Abhandlungen (u. a. "Deutsche Schriften", 1876-81) bekannt, in denen er sich polemisch mit den "Verfallserscheinungen" seiner Zeit auseinander setzte: Er kritisierte die grassierende Verstaatlichung des Lebens, forderte strikte Trennung von Kirche und Staat, bekämpfte die Entsittlichung durch Industrialisierung und entfesseltes kapitalistisches Gewinnstreben, verwarf den Werte-Pluralismus und setzte auf eine Wiederbelebung der Nation als "ethische Macht". Dabei entwickelte er einen religiös-völkischen Antisemitismus, da die Juden als Fremdkörper die Einswerdung des deutschen Volkes verhinderten. Hier und bei der massiven Zivilisationskritik setzte die nationalsozialistische Lagarde-Rezeption (v. a. Rosenberg) an, die in den Plänen etwa einer Aussiedlung der Juden (Madagaskarplan) eigene Ausstoßungsideen antizipiert sah. Durch diese verfälschende Uminterpretation wurden Lagardes Lehren zur Nahtstelle zwischen traditionellem und Rasseantisemitismus, er selbst zum "mächtigsten Wegbereiter der Gedanken, auf denen das nationalsozialistische Dritte Reich der Deutschen ruht" (Lagarde-Herausgeber K. A. Fischer 1934).