Polen

    Aus Lexikon Drittes Reich

    östlicher Nachbarstaat des Deutschen Reichs mit 388 390 km² und rund 32 Millionen Einwohnern (1930). Das seit dem 18. Jahrhundert zwischen Preußen, Russland und Österreich geteilte Polen erstand am 11. 11. 18 neu als Republik. Nach einer Phase der innen- ("Märzverfassung" vom 17. 3. 21) und außenpolitischen Konsolidierung führten wirtschaftliche Probleme nach politischer Destabilisierung schließlich zum Staatsstreich durch Pilsudski (12. 5. 26). Eingeschlossen zwischen revisionistischen Mächten, blieb Polens Schicksal eng mit dem Deutschlands und der Sowjetunion und der Entwicklung der deutsch-sowjetischen Beziehungen verflochten. In enger Wechselbeziehung zu dieser Lage stand die Lösung politisch-ökonomischer Schwierigkeiten in dem durch den Krieg stark zerstörten und wirtschaftlich rückständigen Land: 1. Agrarreform u. a. als Waffe gegen den deutschen Großgrundbesitz in Westpolen; 2. Industrialisierung und Modernisierung im Schatten eines deutsch-polnischen Zollkriegs 1925-34; 3. Ausbau Gdingens als Konkurrenzhafen zum deutschen Freistaat Danzig; 4. restriktive Minderheiten- und Verdrängungspolitik besonders gegen die Deutschen (1921 rund 2,3 % der Bevölkerung).

    Außenpolitisch erhob Polen Anspruch auf die Führungsrolle im "Dritten Europa" zwischen Ostsee und Adria (3. 3. 21 polnisch-rumänisches Bündnis), einem 1919 als Sperrriegel gegen die Sowjetunion und Deutschland von Frankreich (19. 2. 21 polnisch-französisches Bündnis) aufgebauten "cordon sanitaire". Die nach anfänglichen Präventivkriegsplänen Pilsudskis unerwartete Annäherung an Berlin (26. 1. 34 Deutsch-Polnischer Nichtangriffspakt), der Polnisch-Sowjetische Nichtangriffsvertrag (25. 7. 32), das Vertrauen auf unüberbrückbare Differenzen zwischen Nationalsozialismus und Bolschewismus und auf eine zwar zahlenmäßig überlegene, aber militärisch-technisch und taktisch-strategisch unterlegene Armee verleiteten den polnischen Außenminister J. Beck (ab 1932 als "junger Mann" Pilsudskis) zu einer selbständigen Politik der Balance zwischen Ost und West. Als sich Polen Ende März 39 dem deutschen Drängen auf Rückgabe Danzigs, exterritoriale Verbindungen durch den Korridor und auf eine Satellitenrolle gegen die Sowjetunion versagte, kündigte Hitler den Pakt von 1934. Nach Einigung zwischen Berlin und Moskau (23. 8. 39 Deutsch-Sowjetischer Nichtangriffsvertrag) war dann das Schicksal Polens trotz der britisch-französischen Garantien und trotz eines von der katholischen Kirche unterstützten patriotischen Widerstandswillens entschieden: Polenfeldzug.

    Dennoch existierte der polnische Staat rechtlich und politisch weiter durch die Londoner Exilregierung und durch die polnische Exilarmee (u. a. Anders). Als Reaktion auf die rücksichtslose deutsche Besatzungspolitik im Generalgouvernement (Massenumsiedlungen, Zwangsrekrutierungen polnischer Arbeitskräfte, Liquidierung der Intelligenz, Endlösung) entstanden zudem ein Untergrundstaat und eine nationalpolnische "Armee im Lande" ( Warschauer Aufstand). Ihr Scheitern wegen ausbleibender sowjetischer Hilfe war die Folge des Moskauer Konfrontationskurses nach der Entdeckung der Massengräber von Katyn. Stalin setzte seitdem nur auf willfährige kommunistische polnische Organe: Aus dem unter sowjetischem "Beistand" gebildeten Lubliner Komitee (21. 7. 44) entstand am 1. 1. 45 in Polen eine Provisorische Regierung und am 28. 6. 45 die Regierung der nationalen Einheit. Die Westmächte willigten in Teheran, Jalta und im Potsdamer Abkommen unter dem Druck der militärischen Gegebenheiten in die "Westverschiebung" Polens (zwischen Curzon-Linie und Oder-Neiße-Linie) und in die Vertreibung der deutschen Bevölkerung ein. Die "demokratische Regierung" aber, die sie weiterhin forderten, wusste Stalin durch scheinbare Zugeständnisse und manipulierte Wahlen zu hintertreiben. Polen wurde eine sozialistische "Volksrepublik".