Priesterprozesse

    Aus Lexikon Drittes Reich

    allgemein Verfahren gegen Geistliche wegen Verstoßes gegen Kanzelparagraph, Heimtückegesetz u. a., im engeren Sinne Strafverfahren gegen katholische Priester und Ordensangehörige in den Jahren 1935-37 wegen Devisen- und Sittlichkeitsvergehen. Eine erste Welle von Priesterprozessen galt der "Devisenschiebung" v. a. von Klöstern und wurde mit der Verurteilung einer Vinzentinerin am 17. 5. 35 zu fünf Jahren Zuchthaus und 140 000 RM Geldstrafe eröffnet. Da die deutschen Orden Einnahmen wie Verpflichtungen im Devisenausland hatten, trafen sie die Maßnahmen zur Devisenbewirtschaftung, wie sie bereits 1931 einsetzten, besonders hart. Sie umgingen sie durch Übernahme des Bankhauses Hosius mit Sitz in Berlin und Amsterdam. Als die Lage brenzlig wurde, versuchte die Bank, durch Selbstanzeige Bestrafungen vorzubeugen, lieferte aber damit nur der Gestapo lückenloses Material, das zu 60 Priesterprozessen genutzt wurde. Die Bischöfe konnten die Beklagten nicht schützen, sondern nur gegen die publizistische Ausschlachtung der Priesterprozesse und die Verbreitung so genannter Devisenschieberlieder protestieren ("Ja, das Leben in dem Kloster, / Ja, das Leben dort ist schön, / Ja, da kann man, statt zu beten, / Auch Devisen schieben gehn! / Hollerie ..."). Wehrlos waren sie weitgehend im Gefolge dieser Priesterprozesse auch gegen Beschlagnahmeaktionen, die schon länger vorbereitet waren (Anweisung des NSDAP-Schatzmeisters vom 20. 10. 34).

    Die Priesterprozesse wegen Sittlichkeitsdelikten waren ebenfalls längst geplant und zum Teil auch schon angelaufen, als die Enzyklika "Mit brennender Sorge" (14. 3. 37) die Gelegenheit für einen Gegenschlag günstig erscheinen ließ. In großer Aufmachung und mit allen pikanten Einzelheiten berichtete die Presse in der Folgezeit über sittliche Verfehlungen von Mönchen, Nonnen und Priestern. Goebbels sprach von "Tausenden von Fällen", Kerrl von 7 000, und die Zeitungen schürten diesen Eindruck, obwohl insgesamt nur 49 Weltpriester und neun Ordenspriester verwickelt waren, die zum Teil schon Kirchenstrafen auferlegt bekommen hatten. Der propagandistische Effekt aber, einen Keil zwischen Klerus und Gemeinden zu treiben, blieb aus, ja schlug wegen der hämischen Darstellung und der pauschalen Verunglimpfung der Klöster als "Brutstätten des Lasters" (Frick) oft ins Gegenteil um. Die Priesterprozesse verschwanden daher bald aus den Schlagzeilen.