Propaganda

Aus Lexikon Drittes Reich

Zur Sicherung und Behauptung nationalsozialistischer Herrschaft spielte die Propaganda eine zentrale Rolle. Sie galt innenpolitisch als wichtigstes Mittel, die Machtansprüche der NSDAP sowie ihre ideologischen und politischen Vorstellungen bei der gesamten Bevölkerung durchzusetzen, sie zu indoktrinieren, total zu erfassen und im Sinne des Regimes zu manipulieren. Dabei gelang es teilweise, möglichen Widerstand zu vermeiden, da auf bereits vorhandene autoritäre Einstellungen und auf Aversionen breiter Bevölkerungsschichten gegen Minoritäten, z. B. auf einen latenten Antisemitismus, zurückgegriffen werden konnte, doch war auch "das Element des Zwanges" bis hin zum Terror notwendiger Bestandteil der nationalsozialistischen Propaganda (J. Hagemann): galt es doch, die Alleinherrschaft pseudodemokratisch und pseudoplebiszitär zu legitimieren und alle abweichenden Meinungen und Haltungen an ihrer öffentlichen und privaten Artikulation und Repräsentation zu hindern bzw. sie zu eliminieren. Alle "Volksgenossen" und "Volksgenossinnen" hatten als "Volksgemeinschaft" sich der so genannten Meinungsführung bedingungslos zu unterwerfen. Propaganda war aber nicht nur innenpolitisches Führungsinstrument des Regimes, sondern zugleich – besonders im Krieg – außenpolitisches Machtmittel der Staatsführung. So hatte, nach einer Goebbels'schen Tagebuchformulierung vom 10. 5. 42, Nachrichtenpolitik im Krieg der Kriegführung, nicht der Information zu dienen.

Die Maxime des Handelns nach der Machtergreifung ergab sich aus Hitlers Feststellung in "Mein Kampf": "Der Sieg einer Idee wird um so eher möglich sein, je umfassender die Propaganda die Menschen in ihrer Gesamtheit bearbeitet und je ausschließlicher, straffer und fester die Organisation ist, die den Kampf schließlich durchführt." Mit Goebbels' schon am 13. durch Reichspräsidentenerlass gegründetem Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda nebst seinen Landesstellen in den Gauen (seit 1937 Reichspropagandaämtern) wurde zunächst die "Allgegenwart der Beeinflussung organisatorisch sichergestellt", wie es Reichssendeleiter Hadamovsky später formulierte. Bei den leitenden Beamten aller Instanzen war dabei die Kombination von staatlichen und parteiamtlichen Kompetenzen Prinzip, um ein Höchstmaß an totaler Erfassung zu gewährleisten, so wie auch Minister Goebbels selbst als Präsident der Reichskulturkammer und als Reichspropagandaleiter der NSDAP Staats- und Parteifunktionen in sich vereinigte.

Die Propaganda musste nach Goebbels' Vorstellungen "Innen-, Kultur-, Wirtschafts-, Sozial- und Außenpolitik umfassen", d. h. auch bisherige Aufgabenbereiche anderer Ministerien. Nähere Feststellungen darüber traf eine Verordnung Hitlers vom 30. 6. 33. Es ist Goebbels nur teilweise gelungen, sich in ständigem Konkurrenzkampf auch tatsächlich in allen geforderten Bereichen durchzusetzen. Zwar blieb er die Zentralfigur der nationalsozialistischen Propagandamaschinerie, die mittels der Reichskulturkammer das gesamte nationale Kulturleben kontrollierte, wichtige Kompetenzen aber beanspruchten und erhielten auch andere Partei- und Staatsstellen. So wurde Rusts Ministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung die Kontrolle der Lehrer und Fakultäten der Kunstakademien entzogen (15. 5. 35), es gelang Goebbels jedoch nicht, die Aufsicht über die Universitäten in seine Hand zu bekommen. Langwierige Machtkämpfe gab es mit Rosenbergs Amt für Schrifttumspflege beim Beauftragten des Führers für die Überwachung der gesamten geistigen und weltanschaulichen Schulung und Erziehung der NSDAP und ebenso Funktionsüberschneidungen mit Bouhlers Parteiamtlicher Prüfungskommission. Zu Dauerkonflikten kam es schließlich mit dem Auswärtigen Amt, dem Reichskriegsministerium und der Wehrmacht. Die Verordnung vom 30. 6. 33 über die Aufgaben des Propagandaministers legte ausdrücklich fest, dass aus dem Geschäftsbereich des Auswärtigen Amts "Nachrichtenwesen und Aufklärung im Auslande, Kunst, Kunstausstellungen, Film- und Sportwesen im Auslande" auf das Propagandaministerium überzugehen habe. Auf dem Pressesektor konnte sich aber das Auswärtige Amt mit seiner "Diplomatischen Korrespondenz", Nachrichtenmaterial, das Goebbels über sein Deutsches Nachrichtenbüro verbreiten musste, und mit seiner Pressekonferenz für die Auslandskorrespondenten erfolgreich behaupten, während Goebbels sich als allein zuständige Behörde für den Auslandsrundfunk durchsetzte.

Eine schwere Niederlage für den Propagandaminister war dann der Führererlass vom 8. 9. 39, der dem Auswärtigen Amt unter Ribbentrop nach Kriegsausbruch die verantwortliche Führung der Auslandspropaganda übertrug. Das Propagandaministerium hatte nur den vorhandenen Apparat zur Verfügung zu stellen, die Propagandaeinrichtungen des Auswärtigen Amts sollten nicht mehr ausgebaut werden. Dennoch dauerten die Rivalitäten weiter an, beide Ministerien versuchten außerdem gegenseitig, sich aus dem Auslandsrundfunk herauszudrängen. Die Propaganda für die besetzten Ostgebiete fiel schließlich an Rosenbergs Ministerium.

Zwischen Propagandaministerium und Kriegsministerium und Wehrmacht ging es um den Einfluss bei den ab 1936 aufgebauten Propagandakompanien und um "die Durchführung der Propaganda im Kriege". Man einigte sich in einem Abkommen 1938, dass "der Propagandakrieg ... als ... dem Waffenkrieg gleichrangiges Kriegsmittel" anzusehen sei und vom Propagandaministerium eigenverantwortlich in der Heimat, im Frontbereich aber abgestimmt mit dem OKW geführt werden sollte. Die Wehrmacht erhielt das Monopol der militärischen Berichterstattung bis kurz vor Kriegsende, das Propagandaministerium stellte einen Teil der Fachleute. Die ersten Propagandakompanien wurden am 1. 4. 39 unter dem Befehl der neu geschaffenen Abteilung Wehrmachtpropaganda zusammengefasst und dem Wehrmachtführungsamt (ab 8. 8. 40 Wehrmachtführungsstab) angegliedert. Hier entstand u. a. auch der tägliche Wehrmachtbericht, von dessen Abfassung Goebbels ausgeschlossen war. Er konnte allenfalls Richtlinien für die Behandlung in den Medien erteilen. Noch im September 43 versuchte er vergeblich, bei Hitler die Übertragung der Wehrmachtpropaganda auf sein Ministerium zu erreichen. Kompetenzstreitigkeiten, Machtkämpfe und Überorganisation erschwerten zwar in der Praxis ein einheitliches propagandistisches Vorgehen und konnten von Gegnern ausgenutzt werden, im Wesentlichen aber gelang es v. a. Goebbels durchaus, die Propaganda "zu einer der tragenden Säulen nationalsozialistischer Herrschaft und Machtausweitung" zu machen (Boelcke). Neben den umfassenden Kontroll- und Lenkungsapparaten spielten dabei Inhalte und nach massenpsychologischen Erkenntnissen entwickelte Methoden der Propaganda eine wichtige Rolle. Die nationalsozialistische Propaganda bediente sich primitivster Klischees, suggestiver Schlagworte und Parolen ("Ein Volk, ein Reich, ein Führer", "Die Juden sind unser Unglück") und folgte dem Prinzip der ständigen Wiederholung einfachster Gedankengänge und Sachverhalte, die sich im behaupteten beschränkten Verständnis der Massen einprägen sollten. Es wurde an Massen- und Klasseninstinkte, weniger an den Intellekt appelliert. Die Propaganda baute unter Rückgriff auf bereits vorhandene Vorurteile der Bevölkerung Feindbilder auf und hämmerte sie in das Bewusstsein, so den "Popanz der jüdisch-plutokratisch-bolschewistischen Weltverschwörung" (J. Hagemann), mit dem sämtliche innen- und außenpolitische Gegner je nach Bedarf identifiziert werden konnten. Maßgebend beteiligt war sie an der Herstellung des Führermythos und sie schuf in der Gestalt von Horst Wessel ein Symbol der Bewegung, das "zu einem wesentlichen Bestandteil der Zukunftsvisionen des Nationalsozialismus wurde" (Bramsted). Geschichtliche Parallelen wurden bemüht und zur Indoktrinierung herangezogen und innen- und außenpolitische Vorgänge verschwiegen oder verschleiert, wenn sie das propagandistische Konzept störten.

Alle Propagandainstrumente wurden möglichst überall und gleichzeitig eingesetzt, um auf das Publikum einzuwirken: Rede, Tagespresse, Bücher, Film und Rundfunk, wobei ihre Bedeutung an dem Grad des jeweils mit ihnen zu erreichenden Einflusses gemessen wurde. Das gesprochene Wort wog höher als das geschriebene, der direkte Kontakt mit den Massen sollte hergestellt werden. Folgerichtig wurden so auch die modernen Massenmedien Rundfunk und Film neben der Presse zu "publizistischen Führungsmitteln im Dienste der Volksführung" erklärt. Die Deutsche Wochenschau, die der persönlichen Kontrolle Goebbels' und zeitweise sogar Hitlers unterstellt war, wurde z. B. "der gegebene Ort propagandistischer Einwirkung, um die Welt des Führers allen Volksgenossen nahe zu bringen und sein Wesen als Verkörperung des gesamtdeutschen Seins fühlbar werden zu lassen" (Ludwig Heyde). Neben der sozusagen selbstverständlichen alltäglichen Allgegenwart der nationalsozialistischen Propaganda, neben den obligatorischen Aufmärschen, den alljährlichen Führergeburtstags-, Sonnwend- und 9.-November-Feiern ( Feiern), den Erntedankfesten und Winterhilfswerk-Eröffnungen gab es für aktuelle politische Ziele und Zwecke inszenierte Propagandaaktionen und Propagandafeldzüge, die erst in wenigen Fällen genauer analysiert worden sind. So waren im Bereich des katholischen Kirchenkampfs die 1936/37 gegen katholische Geistliche und Laienbrüder geführten rund 250 Sittlichkeitsprozesse vorgeschobener Anlass und Objekt eines "ebenso gewaltigen und spektakulären wie riskanten Propagandafeldzuges" (Hockerts) mit dem Ziel, den Zusammenhalt von Kirchenvolk und Amtskirche zu erschüttern. 1938 ging es um die innen- und außenpolitische propagandistische Vorbereitung, Unterstützung und Begleitung der so genannten Sudetenkrise. Die sich mehrere Monate lang hinziehenden konzertierten Aktionen des Propagandaministeriums nach der Kristallnacht schließlich hatten nur vordergründig die Aufgabe, der ausländischen Kritik entgegenzutreten und die getroffenen antisemitischen Maßnahmen zu rechtfertigen; sie dienten ebenso der Verschleierung der tatsächlichen Geschehnisse: Arisierungen kamen nicht an die breite Öffentlichkeit, Auswanderungszahlen wurden nicht genannt, die Verschleppung in die Konzentrationslager verschwiegen. Es verstand sich von selbst, dass über die Inszenierung solcher Aktionen sowie über die angewandten Techniken und Praktiken der Propaganda möglichst nichts an die Öffentlichkeit dringen durfte, um ihre Wirksamkeit nicht zu gefährden und Desillusionierungen zu vermeiden.

Erfolgreiche Propagandaarbeit aber setzte auch Kenntnisse über Stimmungen und Haltungen der Bevölkerung oder von Bevölkerungsgruppen voraus, die man gezielt ansprechen und beeinflussen wollte. Hier orientierten sich Goebbels und andere an geheimen Lageberichten aus den verschiedenen Bereichen des öffentlichen Lebens, wie sie von Staats- und Parteistellen, ab 1935 vor allem vom SD, angefertigt wurden.