Psychiatrie

    Aus Lexikon Drittes Reich

    Lehre von den seelischen Erkrankungen und deren Heilung. Die Psychiatrie im Dritten Reich war wie die gesamte Medizin eingebunden in ein biologistisch-sozialdarwinistisches Konzept, auf dessen Boden bereits am Ende des 19. Jahrhunderts der Psychopathiebegriff und die Lehre vom geborenen Verbrecher aufgetaucht war (C. Lombroso). Schon 1911 war in einem Preisausschreiben die Frage gestellt worden: "Was kosten die minderwertigen Elemente den Staat und die Gesellschaft?", 1920 hatte der Psychiater A. Hoche die Freigabe der Vernichtung "lebensunwerten Lebens" gefordert.

    Nach Auffassung der Nationalsozialisten sollte diese Vernichtung nicht nur die Geisteskranken, sondern auch alle Psychopathen und sogar alle "Gemeinschaftsunfähigen" treffen. Therapie sollte in der Psychiatrie nur den Kranken zuteil werden, die für die Volksgemeinschaft einen Wert darstellten, die Wertlosen seien "auszumerzen". Dies führte zu einem Wandel im Therapiekonzept, der als "revolutionäre Wandlung" begrüßt und in dem Schlagwort "Weg vom lebensunwerten Leben - hin zum behandelbaren und heilbaren Volksgenossen. Weg vom biologisch Minderwertigen - hin zur biologischen Hochwertigkeit" zusammengefasst wurde. Die Ausmerze der Minderwertigen wurde in der Zwangssterilisation begonnen, in der Euthanasie fortgesetzt und erreichte ihren Höhepunkt in der Endlösung der Judenfrage. Etwa 50 Psychiater arbeiteten aktiv mit; wenige haben sich eindeutig distanziert.