Röhm-Affäre

    Aus Lexikon Drittes Reich

    1934 in die entscheidende Phase tretender und in der Mordaktion vom 30. 6./1. 7. 34 gipfelnder Konflikt zwischen Hitler und der SA unter Röhm. Als Hitler Ende 30 Röhm dafür gewann, als Stabschef der Sturmabteilung (SA) praktisch deren Führung zu übernehmen, hielt er sie für ausreichend fest strukturiert und von ihren politischen Kampfaufgaben absorbiert, um Röhms ihm bekannter Neigung zum Umbau der SA in ein Milizheer zu widerstehen. Eine Reihe höherer SA-Führer hatte sich gegen Röhms Berufung von vornherein gewehrt. Der Widerspruch richtete sich neben Person und Konzeption gegen die Führung Röhms, der im Sinne seiner Volksheer-Ideen neben überzeugten Nationalsozialisten und Opportunisten auch ursprünglich politisch Andersdenkende und im bürgerlichen Sinne Gestrauchelte zur Vereinigung in der Kampfgemeinschaft SA aufrief.


    Zunächst blieben diese Bedenken gegenstandslos. Im Zuge der Terror- und Gleichschaltungsmaßnahmen nach der Machtergreifung kamen 25 000 SA-Männer als preußische Hilfspolizisten und weitere als KZ-Mannschaften zum Einsatz; die übrigen ca. 500 000 führten die politische Agitation und Kriminalität der Vorjahre jetzt als legitime Gewaltinhaber gesteigert fort. Im Herbst 33 wurden diese Aktivitäten jedoch abgeblasen, die Hilfspolizei entlassen und die KZ der SA aufgelöst oder der SS übergeben, die den Terror in gezielterer Weise fortsetzte. Die auf dem Höhepunkt ihrer Entfesselung gekappte und zurückgestaute Aggressivität, die doch die raison d'être der SA war, suchte neue Objekte und fand sie in der Forderung nach einer neuen Welle der Rache, der so genannten Zweiten Revolution, an subtileren politischen Gegenkräften. Diese Revolutionsrhetorik artikulierte dazu die Enttäuschung der zahllosen Arbeitslosen der nationalsozialistischen Bewegung – in der SA überproportional vertreten –, denen die Machtergreifung noch keine Versorgung beschert hatte. Dadurch gewann sie eine sozialpolitische Dimension, die die konservativen Stützen Hitlers alarmierte und diesem zu entfremden begann. Gegen Hitler selbst lebten die alten Widersetzlichkeiten erneut auf, die 1929/30 im Konflikt um den "Legalitätskurs" aufgetreten und mit der Entlassung des Obersten SA-Führers Pfeffer unterdrückt worden waren (Stennes-Revolte). Durch diesen Angriff gegen das Bündnis des Nationalsozialismus mit den Etablierten und Konservativen wuchs sich die Beschäftigungskrise der SA zur Krise des Regimes aus.


    Am gefährlichsten war der Kollisionskurs, auf den die SA mit der Reichswehr geriet. Im Frühjahr 33 hatte Röhm mit General Reichenau vom Reichswehrministerium vereinbart, dass die SA zwar von der Reichswehr militärisch ausgebildet, aber nur zum Einsatz für innere Aufgaben bewaffnet und ausgestattet werden sollte; als Gegenleistung wurde ihr erlaubt, mit Ausnahme des Stahlhelm, den die Reichswehr als wertvolle Ergänzung und als Verbündeten empfand, die paramilitärischen Verbände und Kriegervereine zu absorbieren. Nach Zusammenstößen mit dem Stahlhelm saugte die SA, in geschickter Taktik seine Selbstauslieferung an den Nationalsozialismus ausnützend, auch diese Wehrbewegung auf. Röhm unterstanden nun ca. 4,5 Millionen Mann, großenteils weltkriegsgediente, erfahrene Soldaten, mit denen er sich jetzt seinen alten Milizplänen zuwandte. Im Denken der Zeit spielte das Zwei-Komponenten-Heer nach Seeckt eine große Rolle: offensive Kriegführung durch eine relativ kleine Elitearmee, während die Defensivfronten durch eine Miliz zu verteidigen waren. Auf dieser Basis wäre ein Kompromiss zwischen SA und Reichswehr schon möglich gewesen. Hitler und Blomberg waren jedoch starr auf das klassische Kaderheer fixiert. Röhm verfiel in das Gegenextrem, indem er am 1. 2. 34 das Aufgehen der Reichswehr in der SA und die Reduzierung des stehenden Heers auf eine Kriegsschulungsorganisation für seine Landesverteidigungs-SA forderte. Die Spannungen zwischen dem SA-Führerkorps, das größtenteils aus nicht in die Reichswehr übernommenen kaiserlichen Offizieren bestand, und dem etablierten Militär wuchsen dadurch an. Dabei war die Forderung am ehesten Ausdruck der "inhaltlich blinden Dynamik um ihrer selbst willen" (Broszat), in die die SA seit Herbst 33 verfiel. Denn der Aufbau eines Milizheers, das Kriegsabenteuer durch seine Schwerfälligkeit nicht erlaubte, musste letztlich zur Einreihung in die "friedliche Internationale der Frontsoldaten" (Salewski) führen, zu der die Überlebenden der Schützengräben vielfach in romantisierender und antizivilistischer Haltung neigten. So sah Hitler sein Programm und die Reichswehr ihre Existenz ernsthaft gefährdet.

    Wichtige SA-Führer wie der Obergruppenführer Nord, Lutze, und der Chef des (mit der Reichswehr gekoppelten) Ausbildungswesens der SA, Friedrich Wilhelm Krüger, warnten Hitler vor Röhms Tendenzen. Hitler hielt nun endgültig die Bändigung der SA für gescheitert, die er mit der Einbindung Röhms als Minister in die Reichsregierung (Gesetz zur Sicherung der Einheit von Partei und Staat, 1. 12. 33) und der Mitverantwortung von SA-Sonderbevollmächtigten für die Verwaltung gesucht hatte. Angetrieben von Göring, Frick, Goebbels, Reichenau, Himmler und Heydrich steuerte er ab März 34 auf eine gewaltsame Auseinandersetzung zu, die er von den Medien propagandistisch vorbereiten ließ. Konkurrierende "Schwarze Listen" aus Partei-, SS- und Gestapokreisen bestimmten die Todeskandidaten der SA, denen zu offen enttäuschte Konservative – wie Vizekanzler Papen und seine Umgebung – hinzugefügt wurden. Die Politische Polizei wurde Himmler unterstellt, der damit die SS als Auftragsorgan einsetzen konnte.

    Papens Marburger Rede vom 17. 6., in der unter Beifall die konservative Unzufriedenheit öffentlich ausgesprochen wurde, drängte Hitler zum Handeln, obwohl sich durch die Beurlaubung der SA, die ihrerseits keine aktuellen Kampfabsichten hegte, die Lage entspannt hatte. Die SS empfing Waffen von der Reichswehr, die am Stichtag stellenweise selbst als Rückhalt aufmarschierte. Hitler beorderte die arglosen SA-Führer zu einer Tagung nach Bad Wiessee, wo er Röhm und seine Anhänger am 30. 6. 34 morgens aus den Betten holte, nach München transportieren und dort – Röhm selbst erst nach einigem Zögern – erschießen ließ. Die Anreisenden wurden auf dem Münchener Bahnhof abgefangen und meist inhaftiert. Diese Festnahmen lösten die vorbereitete Aktion im ganzen Reich aus, die rasch ihre Grenzen sprengte und Hunderte von ursprünglich nicht vorgesehenen Opfern forderte. Die amtliche Todesliste enthielt 83 Namen, darunter die gesamte SA-Prominenz, soweit sie sich nicht – wie der neue Stabschef Lutze – eindeutig gegen Röhm gestellt hatten, dazu Schleicher, Jung, Klausener, Kahr, G. Strasser. Papen kam davon. Nicht vermerkt wurden die ungezählten Opfer selbstherrlicher Entscheidungen der SS-Mordkommandos, v. a. in Schlesien.

    Das Ermächtigungsgesetz der Reichsregierung vom 3. 7. 34 legalisierte das Massaker nachträglich als Akt der Staatsnotwehr gegen einen "Röhm-Putsch", den Heydrich aufgrund vagster Hinweise konstruiert hatte. Die stärkste Quelle von Unruhe und Willkür in der ersten Phase des Dritten Reichs war ausgeschaltet – freilich zugunsten der kalten Polizeiherrschaft der SS, mit der die Reichswehr das Waffenmonopol bald teilen musste. Hitlers letzter Gegenspieler war beseitigt.