Rasse (Völkerkunde)

    Aus Lexikon Drittes Reich

    in der Biologie eine Unterart. Der Rassebegriff wurde von der Anthropologie übernommen zur Bezeichnung bestimmter Formengruppen der Art Homo sapiens. Der im 18./19. Jahrhundert aufkommende Rassismus und in seiner Tradition die nationalsozialistische Rasselehre verfälschten den Begriff durch Gleichsetzung mit dem der Art: Aus der Tatsache, dass sich die menschlichen Rassen in ihren typischen Merkmalen weitgehend erhalten haben, wurde geschlossen, dass zwischen ihnen Paarungsgrenzen verlaufen wie bei den biologischen Arten. Dass dem ganz andere Faktoren zu Grunde liegen (jahrtausendelang höchst geringe Bevölkerungsdichten, natürliche Wanderungsschranken, unentwickelte Mobilität, Kulturbarrieren u. a.) wurde trotz zunehmender Gegenbeweise ignoriert. Sie wurden vielmehr als Alarmzeichen gedeutet für eine drohende Bastardisierung der Menschheit.


    Dass darin eine Gefahr liege, wurde mit der Beobachtung begründet, dass kulturelle Entwicklung mit Rasse korreliere: "Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen", schrieb Immanuel Kant 1775. Dieses Argument löste im Gefolge der Aufklärung überholte religiöse Rechtfertigungen ab für die Unterdrückung anderer Völker, für Kolonialismus und Sklaverei. Die scheinwissenschaftliche Fundierung machte das Modell besonders erfolgreich, denn der Verlust der Mythen durch den Rationalismus und der technische Fortschritt führten im 19. Jahrhundert zu einer Wissenschaftsgläubigkeit, die noch unangekränkelt war durch die Erkenntnis der Vorläufigkeit auch wissenschaftlicher Ergebnisse. Insbesondere die Forschungen von Charles Darwin (1809-1882) über "Die Entstehung der Arten durch natürliche Zuchtwahl" (1859) schienen die Ansicht zu untermauern, dass die "erfolgreiche" weiße Rasse auch besonders wertvoll sei, v. a. ihr "nordischer" Teil. Gobineau führte zur Kennzeichnung dieser "kulturschöpferischen" Gruppe den ursprünglich sprachwissenschaftlichen Begriff des "Ariers" ein, den H. S. Chamberlain mit "Germane" näher bestimmte. Die Deutschen übernahmen in dieser Geschichtsinterpretation die Rolle eines auserwählten Volks, weil sie den "germanischen Rassekern" am reinsten bewahrt hätten.


    Der Interpretation folgte notwendig die Handlungsanleitung: Der Sieg im "Rassekampf" könne nur durch Reinerhaltung der Rasse gesichert werden. Das bedeutete Eindämmung jeder weiteren Mischung und letztlich Eliminierung bereits aufgenommener Fremdanteile durch Reinzüchtung. An dieser Stelle setzte der Antisemitismus an und ergänzte seine traditionellen Argumente religiöser und ökonomischer Art durch rassische Komponenten: Wieder wurde nicht der historische Prozess beachtet, der zur Sonderrolle der Juden geführt hatte; sie wurden vielmehr als Rasse eingestuft und ihre Sonderrolle als Folge ihrer verderblichen Rasseeigenschaften. Dass sie als Rasse nicht sogleich zu erkennen seien, galt als besonders gefährlich und wurde in einer Art Zirkelschluss als Beweis für ihre Perfidie angeführt. Rassepolitik hatte danach in erster Linie in der "Ausscheidung" der Juden aus dem "Volkskörper" zu bestehen.


    Diese Metaphorik entstammte der Vorstellung, dass Träger der Rasseneigenschaften und -merkmale das Blut sei. Rassenreinheit hieß daher Blutreinheit; Blutmischung aber bedeutete "Senkung des Rassenniveaus". Dagegen müsse mit allen Mitteln der Rassenhygiene vorgegangen werden. Solch radikaler Rassenantisemitismus war die Ideologie einer Minderheit, die aber auf die antisemitischen Vorurteile einer Mehrheit setzen konnte. Auch in der nationalsozialistischen Ausformung durch Hitlers Weltanschauung blieb das biologistische Argument den meisten Antisemiten fremd, wurde aber als Staatsdoktrin des Dritten Reichs geschichtsmächtig, dessen Zweck Hitler in "Mein Kampf" mit "Erhaltung des rassischen Daseins der Menschen" bestimmte. Rasse gewann in diesem Verständnis neben der biologischen Bedeutung einen fast mythischen Sinn als Schicksal und Auftrag des "nordischen Menschen", alle Ethik war danach allein am Rassenwohl zu orientieren.


    Hinter der Werthierarchie der verschiedenen Rassen steckte nach Hitlers Ansicht der "aristokratische Grundgedanke der Natur", aus dem auch eine verschiedene Wertigkeit der Einzelmenschen folge. Die Angehörigen minderwertiger Rassen seien auch als Individuen minderwertig. Indem Hitler im "Arier" allein den "Begründer höheren Menschentums" sah, den "Urtyp dessen, was wir heute unter dem Wort 'Mensch' verstehen", sprach er den Juden den Menschenstatus ab, stempelte sie zu "Untermenschen". Die Rassenschranke zwischen "deutschblütigen" Menschen und Juden lag damit höher als die Tötungshemmung, von der Verurteilung wegen Rassenschande zur Ausrottungspolitik der Endlösung war es nur noch ein Schritt.