Revisionspolitik

Aus Lexikon Drittes Reich

Sammelbezeichnung für die Bemühungen seit 1919 um eine Korrektur der als besonders diskriminierend empfundenen Bestimmungen des Versailler Vertrags. Die Revisionspolitik richtete sich v. a. gegen territoriale Verluste, gegen Kriegsschuld- und Koloniallüge, gegen die wehrpolitischen Restriktionen (Abrüstung) und die hohen Reparationen. Die Weimarer Regierungen verfolgten eine Revisionspolitik mit friedlichen Mitteln und auf dem Verhandlungsweg, um Deutschland die Rückkehr in das Konzert der Großmächte zu ermöglichen, und konnten hier auch bis Ende 32 beachtliche Erfolge erringen, wie die zunächst vorläufige (Dawesplan, Youngplan) und dann endgültige Regelung der Reparationsfrage (Lausanner Abkommen vom 9. 7. 32), die vorzeitige Räumung des Rheinlands bis 1930 und grundsätzliche Anerkennung der deutschen Gleichberechtigung auf der Genfer Abrüstungskonferenz am 11. 12. 32. Für die nationalsozialistische Außenpolitik dagegen hatte die Revisionspolitik eine dreifache und sehr viel aggressivere Funktion: 1. als wichtiger vorbereitender Schritt für die deutsche Hegemonie auf dem Kontinent und die Eroberung von "Lebensraum im Osten"; 2. als innenpolitisches Mittel zur Gewinnung der konservativen Eliten und der Bevölkerung und zur propagandistischen Vorbereitung des Überfalls auf Polen 1939; 3. nach außen als Mittel zur Verschleierung expansiver Ziele gegenüber den westlichen Regierungen (Appeasement). Unter dieser dreifachen Funktion sind die einzelnen Stufen der Revisionspolitik ab 1933 zu bewerten: 16. 3. 35 Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht, 7. 3. 36 Rheinlandbesetzung, 14. 3. 38 Anschluss Österreichs, Anfang Oktober 38 Angliederung des Sudetenlands nach dem Münchener Abkommen, 22. 3. 39 Rückgliederung des Memellands. Mit dem Einmarsch in Prag am 15. 3. 39 war die Revisionspolitik eindeutig überschritten. Der Deutsch-Polnische Nichtangriffspakt vom 26. 1. 34, der Verzicht auf Südtirol und die wechselvolle Handhabung der Kolonialforderungen England gegenüber beweisen ohne Zweifel den funktionalen Charakter der Revisionspolitik für Hitler: Revisionsforderungen konnten je nach außenpolitischer Opportunität ein- und ausgeblendet werden.