Rheinlandbesetzung

    Aus Lexikon Drittes Reich

    von der Bevölkerung jubelnd begrüßter Einmarsch deutscher Truppen etwa in Divisionsstärke in die entmilitarisierte Rheinlandzone am 7. 3. 36. Die Rheinlandbesetzung bedeutete völkerrechtlich eine einseitige Verletzung des Versailler Vertrags (Artikel 42 ff.) und des frei ausgehandelten Locarnopakts vom 16. 10. 25 (Artikel 1, 2, 4) und damit für die Kontrahenten an sich als eine Art "Angriffshandlung" den Bündnisfall. Dennoch reagierten die Westmächte nur mit einer Sondersitzung des Völkerbundsrats und einer völkerrechtlichen und moralischen Verurteilung des deutschen Vorgehens. Italien hielt sich aufgrund seiner Verwicklung in den Krieg in Abessinien ganz abseits.

    Hitler vollzog den Überraschungscoup der Rheinlandbesetzung, den er später "die aufregendste Zeitspanne in meinem Leben" nannte, wie ein Spieler ganz aus eigener Initiative gegen das ausdrückliche Votum seiner militärischen und politischen Berater. In Kenntnis des völlig unzureichenden Aufrüstungsstands der Wehrmacht gab er jedoch die Weisung, die Truppen bei erster "Feindberührung" sofort wieder zurückzuziehen. Psychologisch geschickt auf die pazifistische Stimmung in den westlichen Staaten berechnet, verband er noch am 7. 3. den Vertragsbruch mit einem neuen Vertragsangebot: 25-jähriger Nichtangriffspakt mit Frankreich, Belgien und den Niederlanden unter Garantie Englands und Italiens bei Entmilitarisierung eines Streifens beiderseits der Westgrenzen, Luftpakt, koloniale Gleichberechtigung, Rückkehr Deutschlands in einen reformierten Völkerbund. Die Ratifikation des französisch-sowjetischen Bündnisvertrags am 27. 2. 36 und der Vorwurf, Paris habe damit europäische Sicherheitsinteressen verletzt, waren nur ein Vorwand für die Rheinlandbesetzung; auch war sie nur vordergründig ein Stück "Revisionspolitik" gegen den Versailler Vertrag. Dahinter standen bereits im Blick auf den Krieg das Ziel, durch Absicherung der Westgrenze (Westwall) Handlungsfreiheit nach Osten und Südosten zu haben, sowie die Absicht, dem Regime durch äußere Erfolge nach innen Massenloyalität und Legitimität zu sichern (29. 3. 36 Reichstagswahlen mit den üblichen 98,3 % Ja-Stimmen). Die Appeasement-Haltung der Westmächte gründete sich auf eine allgemeine Überschätzung der deutschen militärischen Stärke, auf innenpolitische Schwierigkeiten besonders in Frankreich, ein starkes Defensivdenken (Maginot-Komplex) und ein gewisses Verständnis für legitime deutsche Revisionsansprüche "im eigenen Küchengarten".

    Über den relativ unbedeutenden reinen Besetzungsakt hinaus hatte die Rheinlandbesetzung sehr weitreichende Konsequenzen: Hitler sollte sich durch den Triumph und die gewaltige Vergrößerung seines Prestiges nach innen und außen in eine Selbstüberschätzung und einen Unfehlbarkeitsanspruch hineinsteigern, die ihn zunehmend taub gegenüber Ratschlägen und Warnungen der militärischen und politischen Fachleute machten. Gleichzeitig war mit der Rheinlandbesetzung ein Eckpfeiler des europäischen Bündnis- und Sicherheitssystems der 20er Jahre zum Einsturz gebracht. Der allgemeine Schock über die Tatenlosigkeit der Westmächte, besonders Frankreichs, und die Einsicht, dass die Befestigung der deutschen Westgrenze ein aktives französisches Eingreifen zugunsten der bedrohten Mächte künftig nahezu unmöglich mache, veranlassten die Klein- und Mittelstaaten zwischen Ostsee und Balkan, sich zunehmend und nunmehr sehr rasch vom Westen weg und auf Berlin hin zu orientieren. Heute ist bekannt, dass eine energische militärische Reaktion der Westmächte auf die Vertragsverletzung innerhalb von Tagen zum militärischen Zusammenbruch des Deutschen Reichs geführt hätte.