Rote Kapelle

    Aus Lexikon Drittes Reich

    von der Gestapo geprägte Bezeichnung für die größte Spionage- und Widerstandsorganisation während des Zweiten Weltkriegs. 1938 erhielt der polnische Kommunist Trepper vom sowjetischen Geheimdienst den Auftrag, ein Nachrichtennetz aufzubauen, um die Kriegsvorbereitungen des nationalsozialistischen Deutschland rechtzeitig nach Moskau zu melden. Trepper gründete zur Tarnung in Brüssel eine Trenchcoat-Im- und-Export-Firma und warb Agenten in Belgien, den Niederlanden und Frankreich. Da Stalin aufgrund des Nichtangriffsvertrags mit Deuschland jegliche Provokation Hitlers vermeiden wollte, sollten direkt auf deutschem Boden vorläufig keine sowjetischen Agenten arbeiten. Trepper konzentrierte die Arbeit der Roten Kapelle nach der Besetzung Frankreichs deshalb auf Paris.

    In Deutschland hatte sich inzwischen um Schulze-Boysen und A. Harnack eine politisch stark differenzierte Gruppe von Linksintellektuellen, Schriftstellern, Künstlern, Journalisten zusammengefunden und Kontakt zu Treppers Roter Kapelle aufgenommen. Sie saßen z. T. in einflussreichen staatlichen Stellen und gaben illegale Flugschriften heraus (u. a. "Agis-Schriften", "Briefe an die Ostfront", "Die innere Front"), sie klebten anti-nationalsozialistische Anschläge, leisteten Systemgegnern Fluchthilfe und organisierten Sabotageakte in der Kriegsindustrie. Neben einem inneren Kreis, der sich auf aktiven Widerstand im Reich beschränkte, existierte ab 1940 ein äußerer Kreis, dessen Mitglieder Funkkontakte nach außen unterhielten. Die Funker der Roten Kapelle, "Pianisten" genannt, sendeten von 1940-43 etwa 1 500 Funksprüche an die Moskauer Zentrale, verrieten deutsche Aufmarschpläne und Agenten, Pläne für neue Waffenmodelle wie den Panzerkampfwagen "Tiger" und warnten vor dem deutschen Angriff auf die UdSSR. Ab 1941 sammelte die deutsche Abwehr solche Funksprüche und stellte im Juli 42 ein "Sonderkommando Rote Kapelle" auf, das die Führung der Roten Kapelle rasch identifizierte. Im August 42 wurden über 100 Personen verhaftet, gefoltert und überwiegend als "Landesverräter und Bolschewisten" zum Tod verurteilt, wobei Hitler mehrfach eigenhändig auf Verschärfung von Urteilen drang und die Art der Todesstrafe (Strang, Enthaupten) vorschrieb.

    Die pauschale nationalsozialistische Diffamierung der Roten Kapelle als kommunistische Spionageorganisation prägte nach dem Krieg lange Jahre die Bewertung dieser Gruppe, in der sich Widerstand und Agententätigkeit verbanden und in deren Selbstverständnis die nachrichtendienstliche Zusammenarbeit mit der UdSSR nicht Verrat des Vaterlands war, sondern der Befreiung von der Hitler-Diktatur dienen sollte.