Rudolf Heß

    Aus Lexikon Drittes Reich

    deutscher nationalsozialistischer Politiker

    geboren: 26. April 1894 in Alexandria (Ägypten) gestorben: 17. August 1987 in Berlin


    Sohn eines Importkaufmanns, Kinderjahre in Ägypten, dann Internat in Bad Godesberg und Handelsschule in der Schweiz, kaufmännische Lehre in Hamburg. Bei Kriegsausbruch entwich Heß dem ungeliebten Berufsziel und meldete sich freiwillig. Mehrfach verwundet, wurde er Leutnant bei der Infanterie, wechselte zu den Fliegern, kam vor Kriegsende aber nur noch zu einem Fronteinsatz.

    In München, wohin Heß zum Studium der Volkswirtschaft übersiedelte, geriet er in die Wirren der Räte-Republik und dabei unter den Einfluss der rechtsradikalen Thulegesellschaft, die Heß im Antisemitismus bestärkte. Stark war auch die Wirkung des Geopolitikers K. Haushofer, am stärksten aber - vom ersten Moment an - diejenige Hitlers. Heß trat der NSDAP schon 1920 bei, förderte mit Hingabe den Führerkult und kam Hitler persönlich so weit nahe, wie es bei dessen Bindungsscheu möglich war. Er nahm am Hitlerputsch teil und wurde zu 18 Monaten Festungshaft verurteilt. In Landsberg diktierte ihm Hitler "Mein Kampf" und akzeptierte manchen redaktionellen Eingriff von Heß, der fortan sein Privatsekretär war. 1927 heiratete Heß die Arzttochter Ilse Pröhl, betätigte sich als erfolgreicher Sportflieger und wachte in der "Kampfzeit" so eifersüchtig über den Umgang seines vergötterten Führers wie später Bormann. Für den Kauf des Braunen Hauses in München organisierte er ein Millionendarlehen der Industrie.


    Nach dem Sturz von G. Strasser Ende 32 wurde Heß Leiter der neu geschaffenen "Politischen Zentralkommission" der NSDAP und 1933 Stellvertreter Hitlers als Parteiführer. Als Leiter der Parteikanzlei erhielt er im selben Jahr Ministerrang. Heß war kein Machtmensch und wurde daher, obwohl Hitlers treuester Machtförderer, leicht aus dem Zentrum des Rivalitätskampfes gedrängt. Dazu trug bei, dass sein Stabsleiter Bormann übereifrig die Kleinarbeit im Büro leistete und so indirekt frühzeitig die Partei beherrschte. Auf die Staatsführung hatte Heß ohnehin keinen Einfluss. Er hielt zahlreiche nicht sonderlich wirkungsvolle Reden, propagierte unermüdlich den Führerkult und trug zum Klima des Antisemitismus maßgeblich bei; so wirkte er mit bei der atmosphärischen Vorbereitung der späteren Verbrechen.

    Fraglich bleibt, ob die Zunahme skurriler Züge in Verhalten und Wesen des Stellvertreters erst die Entfremdung von Seiten Hitlers einleitete oder ob dessen zunehmende Distanz die pathologische Beimischung in Heß' Charakter zum Ausbruch brachte. Der Versuch, Hitlers Gunst zurückzugewinnen, mag jedenfalls den Entschluss bei Heß gefördert haben, vor dem geplanten Russlandfeldzug in London für Frieden zu werben: Am 10. 5. 41 flog er mit einer eigens ausgerüsteten Me 110 über die Nordsee und sprang über Schottland mit dem Fallschirm ab. Alles spricht dafür, dass Hitler von diesem Vorhaben, bei dessen Misslingen erhebliche Prestigeeinbußen drohten, nichts gewusst hat. Er ließ - nach viel interpretiertem Zögern - Heß öffentlich als geistesgestört bezeichnen; die Briten nahmen Heß in Haft.


    Im Nürnberger Prozess fiel Heß durch absonderliches Verhalten auf, wobei echte Verwirrzustände mit eingestandenem Simulantentum wechselten. Strafrechtlich wurde er für voll verantwortlich erklärt. Das Strafmaß "lebenslänglich" überschätzte den realen Machteinfluss des Führer-Stellvertreters, wenn auch sein moralischer Schuldanteil am Unheil nicht gering zu werten ist. Nachdem Mitverurteilte bei gleichem Strafmaß (Raeder, Funk) vorzeitig entlassen wurden, gewann seine jahrzehntelange Alleinhaft und -buße ausgesprochen tragische Züge. Alle schon bald einsetzenden Vorstöße von deutscher und westlicher Seite, Heß zu amnestieren, scheiterten am sowjetischen Veto. Er nahm sich schließlich das Leben.