Russlandfeldzug

    Aus Lexikon Drittes Reich

    Bezeichnung für den Kampf der deutschen Wehrmacht und ihrer Verbündeten gegen die Rote Armee 1941-45. Nachdem England nicht zu bezwingen war, sollte der Russlandfeldzug die Kriegsentscheidung bringen und zudem das Lebensraum-Konzept verwirklichen, das Hitler als "heiligste Mission meines Lebens" bezeichnete. Er deklarierte daher den Russlandfeldzug als "Krieg zweier Weltanschauungen", in dem Ritterlichkeit und traditionelle soldatische Ehrbegriffe fehl am Platz seien (Kommissarbefehl, Einsatzgruppen). Ziel der Eroberung sollte die "rücksichtslose Germanisierung" sein, von der Hitler schon am 3. 2. 33 vor hohen Militärs gesprochen hatte und deren Details der Generalplan Ost enthielt. Über den Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffsvertrag setzte sich Hitler ohne Bedenken hinweg, da er einem sowjetischen Überfall zuvorkommen müsse.

    Die deutschen Vorbereitungen für einen Russlandfeldzug hatten schon im Sommer 40 ("Aufbau Ost", 5. 8. 40) begonnen und waren mit Weisung Nr. 21 vom 18. 12. 40 (Fall "Barbarossa") konkret geworden: "In einem schnellen Feldzug" die Linie Archangelsk-Astrachan erreichen, ehe die UdSSR ihre riesigen Reserven von zwölf Millionen Soldaten mobilisieren könne. Zum durch den Balkanfeldzug verzögerten Angriff ohne Kriegserklärung traten dann am 22. 6. 41 rund 75 % des deutschen Feldheers (drei Millionen Mann mit 3 580 Panzern und Sturmgeschützen) in drei Heeresgruppen mit insgesamt 152 Divisionen an: Nord (Generalfeldmarschall von Leeb) mit Stoßrichtung baltische Länder und Leningrad, Mitte (Generalfeldmarschall von Bock) in Richtung Minsk-Smolensk-Moskau und Süd (Generalfeldmarschall von Rundstedt) in Richtung Kiew-Dnjeprbogen. Dazu kam ab 2. 7. die rumänische Armeegruppe Antonescu mit 15 Divisionen. Der deutsche Angriff traf auf fünf sowjetische Heeresgruppen, formiert in 15 Armeen mit 149 Divisionen. Die deutsche Luftwaffe bot in den Luftflotten 1, 2, 4 und 5 insgesamt 1 945 Bomber, Stukas, Zerstörer und Jäger auf, die Sowjetunion über 8 000 Maschinen.

    Der Sommerfeldzug brachte den deutschen Armeen große Landgewinne: Baltikum, Weißrussland, Ukraine. In der Kesselschlacht von Bialystok und Minsk (bis 9. 7.) gingen 324 000 sowjetische Soldaten in Gefangenschaft, bei Smolensk (bis 5. 8.) weitere 310 000 und in der Doppelschlacht von Wjasma und Brjansk (bis 15. 10.) sogar 673 000. Die Erfolge verleiteten Hitler früh zur Annahme, der Russlandfeldzug sei bereits gewonnen. Mit Befehl vom 14. 7. verfügte er die Verlegung des Rüstungsschwerpunkts auf den U-Boot- und Flugzeugbau zu Lasten des Heers. Am 2. 10. trat die Heeresgruppe Mitte zum Angriff auf Moskau an und kam so gut voran, dass die sowjetische Regierung am 16. 10. die Stadt verließ und nach Kuibyschew ging. Nach Einbruch des Winters, auf den das deutsche Heer nicht vorbereitet war, erlosch die deutsche Stoßkraft 27 km vor dem Kreml am 1. 12. Bis zu diesem Tag hatte das Ostheer schon 158 773 Tote, 31 191 Vermisste und 563 082 Verwundete verloren, die Luftwaffe 2 093 Maschinen. Sowjetische Winteroffensiven (ab 5./6.12. 41) mit frischen sibirischen Kräften, die wegen des Sowjetisch-Japanischen Neutralitätspakts (13. 4. 41) in Fernost entbehrlich waren, forderten auf deutscher Seite schwere Opfer (21 808 Tote, 5 247 Vermisste, 75 169 Verwundete) und zwangen zur Aufgabe weiter Gebiete.

    Der Russlandfeldzug des Jahrs 1942 begann mit der Kesselschlacht südlich von Charkow (17.-26. 5.) und der Zerschlagung der sowjetischen Truppen auf der Krim. Dann trat das deutsche Heer am 28. 6. im Süden zur Sommeroffensive an: Die Heeresgruppe B erreichte am 3. 7. den Don bei Woronesch; auf der Krim gelang am 1. 7. die Eroberung von Sewastopol. Die sowjetische Front wankte, aber die nun erheblich niedrigeren Gefangenenzahlen zeigten, dass der Gegner nicht geschlagen war. In einer zweiten Operationsphase wurde am 23. 7. Rostow erobert. Entgegen der bisherigen Planung bestimmte Hitler (Weisung Nr. 45 vom 23. 7.) exzentrische Operationen gegen Stalingrad und zugleich gegen den Kaukasus. Nach Erreichen des Hochkaukasus (Elbrus 22. 8.) blieb die Heeresgruppe A am Terek stecken, die Heeresgruppe B erreichte Mitte September Stalingrad und wurde in wochenlange verlustreiche Häuserkämpfe verwickelt. Im Herbst 42 bot sich die Front dort der Roten Armee förmlich für eine großangelegte Zangenoperation an. Die nördliche und die südliche Flanke hielten je eine italienische, ungarische und zwei rumänische Armeen mit zusammen 37 Divisionen. Sie traf am 19. 11. die volle Kraft sowjetischer Offensiven: Die deutsche 6. Armee wurde mit 250 000 Mann abgeschnitten. Hitler untersagte, nicht zuletzt von Görings Versprechungen einer Luftversorgung verleitet, den noch möglichen Ausbruch. Der deutsche Widerstand in Stalingrad erlosch am 2. 2. 43: 91 000 Verteidiger gerieten in sowjetische Gefangenschaft, nur 6 000 kehrten später heim. Die Rote Armee drang im Winter 42/43 überall weit nach Westen vor. In den deutsch besetzten Gebieten führte zudem die barbarische Behandlung der Bevölkerung durch die nationalsozialistische Verwaltung v. a. im Mittelabschnitt zu lawinenartig anwachsender Partisanentätigkeit.

    Örtliche Erfolge (8. 2. Kursk, 9. 2. Belgorod, 16. 3. Charkow zurückerobert) schufen im Russlandfeldzug des Jahrs 1943 Voraussetzungen für einen letzten Offensivversuch Hitlers, der allerdings durch Einmischung in kleinste Details und ständiges Auswechseln von nicht genehmen Heerführern die Operationen gefährdete. Nach mehrfachen Verschiebungen begann am 5. 7. bei Kursk gegen einen großen sowjetischen Frontbogen mit 33 Divisionen, 2 000 Panzern und 1 800 Flugzeugen der längst vom Gegner einkalkulierte deutsche Angriff, der nach Anfangserfolgen am 12. 7. liegenblieb. Im Herbst musste der Kuban-Brückenkopf über See geräumt werden (7. 9.-9. 10.). Am 4. 1. 44 überschritt die Rote Armee bei Sarny (Wolhynien) die ehemals polnisch-sowjetische Grenze. Zugleich brach sie endgültig den Ring der deutschen Hungerblockade um das seit August 41 eingeschlossene Leningrad und trat am 4. 3. in der Ukraine zur Frühjahrsoffensive an. Sie drückte die deutsche Front bis über den Pruth weit nach Rumänien, an die Karpaten und nach Ostgalizien zurück, wo sie sich kurzfristig konsolidierte. Bis 12. 5. 44 vernichteten sowjetische Truppen die abgeschnittene deutsche 17. Armee auf der Krim, deren rechtzeitige Räumung Hitler verboten hatte. Die Rote Armee gab die Initiative nicht mehr ab. Am 1. 6. 44 besaß sie 476 Divisonen, dazu 37 Panzer- und mechanisierte Korps, 93 Artilleriedivisionen und insgesamt 14 787 Kampfflugzeuge. Eine Großoffensive gegen die deutschen Heeresgruppe Mitte vom 22. 6. 44 an führte bis zum 8. 7. zur Vernichtung von 28 Divisionen mit 350 000 Mann, eine Katastrophe, die Stalingrad in den Schatten stellte. Auch im Norden drang die Rote Armee weit nach Westen vor, nahm Estland und den größten Teil von Lettland und Litauen und erreichte am 29. 7. 44 die Rigaer Bucht. Der in Erwartung der sowjetischen Truppen, die bei Sandomierz die Weichsel erreicht hatten, am 1. 8. begonnene Warschauer Aufstand blieb ohne sowjetische Unterstützung und brach am 2. 10. zusammen, ebenso der slowakische Aufstand vom 28. 8.-29. 10. Im Süden fiel der nächste Schlag am 20. 8. gegen die deutsche Heeresgruppe Südukraine. In wenigen Tagen wurde die deutsche 6. Armee mit 18 Divisionen zerschlagen, am 25. 8. erklärte der frühere Bundesgenosse Rumänien Deutschland den Krieg, das Ölgebiet von Ploesti ging verloren (30. 8.) und am 31. 8. wurde Bukarest besetzt.

    Die Entwicklung zwang Hitler zur schrittweisen Aufgabe Südosteuropas: Am 16. 9. 44 rückten sowjetische Truppen in Sofia ein, neben der rumänischen nahm nun auch die bulgarische Armee den Kampf gegen die Wehrmacht auf. Im Norden musste Finnland nach Verlust Kareliens am 4. 9. den Kampf einstellen. Danach blieb Ungarn, seit 19. 3. 44 deutsch besetzt, der letzte Bundesgenosse. Im Oktober drang die Rote Armee auch auf ungarisches Gebiet vor (20. 10. Debrecen) und eroberte einen Teil Jugoslawiens (Belgrad 20. 10.). Ende 44 war damit die Lage Deutschlands an allen Fronten hoffnungslos.

    Zwischen 12. und 14. 1. 45 traten zwischen Memel und den Karpaten vier sowjetische Heeresgruppen mit 25 Armeen zur Großoffensive an. Die deutsche Front zerbrach, am 17. 1. zog die Rote Armee in Warschau ein, am 19. 1. in Krakau und Lodz und erreichte am 22. 1. die Oder nördlich und südlich von Breslau. Das oberschlesische Industrierevier ging verloren, und am 26. 1. riss die Landverbindung zu Ostpreußen ab. In dieses Inferno wurden in Ostpreußen und Schlesien zahllose Flüchtlingstrecks hineingezogen, deren rechtzeitiger Abtransport durch die politische Führung (Gauleiter Koch und Hanke) verhindert worden war.