Sachsenhausen

    Aus Lexikon Drittes Reich

    nationalsozialistisches KZ etwa 25 km nordöstlich von Berlin, im August/September 36 von Häftlingen des Emslandlagers Esterwegen errichtet. Sachsenhausen war gesichert mit einer 2,50 m hohen Mauer, bewehrt mit elektrisch geladenem Drahtzaun und acht Wachttürmen. Ursprünglich für eine Belegungsstärke von etwa 8 000–10 000 Häftlingen eingerichtet, waren in Sachsenhausen gegen Kriegsende rund 35 000 Menschen inhaftiert. Insgesamt durchliefen das Lager bis Mitte Februar 45 über 135 000 Häftlinge.

    In der Anfangszeit waren in Sachsenhausen meist politische Gefangene (Kommunisten, Sozialisten, Zentrumsangehörige u. a.) untergebracht, später auch Juden, "Zigeuner", Asoziale, Kriminelle, Ernste Bibelforscher, Homosexuelle, aus der Wehrmacht entfernte Soldaten und straffällig gewordene SS-Leute, sowjetische Kriegsgefangene sowie Häftlinge aus den besetzten Gebieten (Tschechen, Polen, Niederländer, Belgier, Franzosen, Norweger). Die Lagerinsassen arbeiteten vorwiegend in Werkstätten der Deutschen Ausrüstungswerke (DAW) und einem Bekleidungswerk, auch Schuhfabrik genannt. Besonders gefürchtet war das so genannte Schuhläufer-Kommando, in dem Häftlinge durch lange Märsche die Haltbarkeit von Wehrmachtsstiefeln erproben mussten. Die bedeutendsten der 61 Außenkommandos und Nebenlager von Sachsenhausen waren die Großkommandos Heinkelwerke in Germendorf, Klinkerwerke in Oranienburg und die DEMAG-Werke in Falkensee.

    Innerhalb des Lagergeländes befand sich ein Sonderlager für prominente Häftlinge und ihre Familien, in dem u. a. der frühere österreichische Bundeskanzler Schuschnigg und der Industrielle Thyssen untergebracht waren. Die Unterbringungs-, Verpflegungs-, Arbeits- und hygienischen Verhältnisse in Sachsenhausen waren katastrophal. Viele Häftlinge starben an Hunger, Kälte, Erschöpfung, mangelhafter ärztlicher Versorgung, wurden erschossen, erhängt oder von SS-Angehörigen oder Funktionshäftlingen zu Tode misshandelt. Kranke und arbeitsunfähige Gefangene (so genannte Muselmänner) wurden regelmäßig ausgesondert und im Rahmen der "Aktion 14f13" (Invalidenaktion) getötet oder im Lager selbst durch Giftinjektionen oder in der 1943 eingerichteten Gaskammer umgebracht. Im Herbst 41 wurden in der Genickschussanlage des Lagers, die als ärztliche Ambulanz getarnt war, allein über 11 000 sowjetische Kriegsgefangene aufgrund des Kommissarbefehls vom 6. 6. 41 unter dem Vorwand einer medizinischen Untersuchung getötet. In der Folgezeit benutzte man die Genickschussanlage in gleicher Weise zur Tötung von Personen, die auf Befehl des RSHA zur Sonderbehandlung nach Sachsenhausen gebracht worden waren.

    Wie in allen großen KZ wurden auch in Sachsenhausen medizinische Versuche an Häftlingen vorgenommen: Es wurden ihnen u. a. Wunden beigebracht, die künstlich verunreinigt wurden, um dadurch Gasbrandinfektionen zu erzeugen und dagegen ein neu entwickeltes Antiseptikum zu erproben. Dabei kam es zu Todesfällen. Im Sommer 44 starben vier von acht Häftlingen bei Experimenten unbekannter Art. Im September 44 brachte man Häftlingen mit vergifteter Munition an sich nicht tödliche Schusswunden bei, um die Wirkungszeit des Gifts festzustellen. Sowjetische Kriegsgefangene starben bei der Erprobung eines neukonstruierten Gaswagens im Herbst 41. Als Anfang 45 die sowjetische Front näherrückte, tötete die SS eine Vielzahl schwer kranker, nicht marschfähiger Häftlinge im Krankenrevier. Leichter Erkrankte wurden in Güterwaggons in andere Lager innerhalb des Reichsgebiets evakuiert (Bergen-Belsen, Dachau und Mauthausen). Etwa 3 000 meist kranke Häftlinge blieben in Sachsenhausen zurück und wurden am 22./23. 4. 45 von sowjetischen Truppen befreit. Das Gros der Häftlinge wurde im April 45 zu Fuß evakuiert. Wer das Marschtempo nicht durchhalten konnte, wurde einem entsprechenden Befehl Himmlers gemäß am Straßenrand vom SS-Begleitkommando erschossen. Der Evakuierungsmarsch endete in Schwerin, wo die erschöpften Häftlinge von amerikanischen Truppen befreit wurden.

    Lagerkommandanten von Sachsenhausen waren: Hermann Baranowski (1939 gestorben), Hans Loritz (1946 im Internierungslager Neumünster Selbstmord), Walter Eisfeld (1940 gestorben), Anton Kaindl (von einem sowjetischen Militärgericht zu lebenslanger Haft verurteilt, in der UdSSR gestorben).