Schulsystem

    Aus Lexikon Drittes Reich

    Organisation und Funktionsbestimmung des Schulwesens im Dritten Reich. Eine Lösung der in der Weimarer Republik heiß umstrittenen Fragen der Strukturreform und des kirchlichen Einflusses im Schulsystem schob die NSDAP 1933 auf, obwohl sie 1930 eine achtjährige Grundschule, die Abschaffung der höheren Schulen und die Ablehnung des Konkordats in Aussicht gestellt hatte. Demgegenüber erweisen sich die ersten Maßnahmen in der Regierungsverantwortung als vom Machtpragmatismus bestimmt: Schließung "weltlicher" Schulen (ohne Religionsunterricht), Abschluss des Konkordats mit dem Vatikan, Entlassung nicht konfessionell gebundener Lehrer, Verstärkung der restriktiven Auslese nach dem vierten Schuljahr unter den neuen Gesichtspunkten körperlicher, charakterlicher und "völkischer" Eignung (Erlass vom 27. 3. 35). Anstelle eines neunten Volksschuljahrs richtete Preußen 1934 das Landjahr ein.

    Diese ersten schulpolitischen Entscheidungen dienten der Konsolidierung des Systems; die meisten wurden später revidiert: 1936 begannen Kampagnen zur Einführung der nicht mehr konfessionell gebundenen Gemeinschaftsschule, die bis 1941 für alle Volksschulen zur Norm wurde; der Religionsunterricht wurde reduziert, kirchliche Internatsschulen wurden beschlagnahmt oder einer von der SS geleiteten Inspektion unterstellt. Die Lehrerausbildung wurde zunächst "Hochschulen" im gesamten Reich übertragen, ab 1941 aber den Lehrerbildungsanstalten. Ebenso folgte der Konsolidierung der Mittelschule im Krieg die Einführung der Hauptschule und somit die Preisgabe einer berufsständischen Gliederung der Bildungsprivilegien. Ob nämlich die Hauptschule auch die Aufgaben der Mittelschule in einem neunten und zehnten Schuljahr übernehmen würde, blieb bis zum Kriegsende ungeklärt. Gleichzeitig wurden anstelle vielfältiger Beschränkungen im Zugang zum Hochschulstudium neue Wege zur Reifeprüfung nach der Berufsausbildung und für Kriegsversehrte eröffnet (in Fern- und Abendkursen und im Langemarckstudium). Im letzten Kriegsjahr waren mehr Studentinnen immatrikuliert als je zuvor.

    Die Verstärkung der Geschlechtertrennung, zumindest an städtischen Volks- und den weiterführenden Schulen, brachte dem Mädchen-Schulsystem eine Konsolidierung und den früheren Frauenschulen (mit einer Fremdsprache) die Anerkennung als zum Abitur führend. Der Ausschluss der Mädchen vom Lateinunterricht an Jungenschulen wurde 1940 wieder rückgängig gemacht. Denn die "Oberschule für Jungen" sah Latein - im Unterschied zur "Deutschen Oberschule" der Weimarer Zeit - als obligatorisch für alle vor. Die Zahl der humanistischen Gymnasien wurde stark reduziert, ihr Prestige aber dadurch erhöht. Mit der Abschaffung des 13. Schuljahrs begann 1937 die Vereinheitlichung der höheren Schulen. Außer den Gymnasien erhielten die Jungenschulen einen sprachlichen und einen mathematisch-naturwissenschaftlichen Zug, die Mädchenschulen einen sprachlichen und einen hauswirtschaftlichen Zweig. Daneben blieben Aufbauschulen erhalten, jetzt nach Geschlechtern getrennt und vornehmlich Schülern aus den noch immer wenig gegliederten Landschulen vorbehalten. Die Verteilung des Lehrangebots zielte auf einen Ausgleich zwischen den Fächergruppen ab, was den Anteil der naturwissenschaftlichen Fächer stark reduzierte, aber 1941 revidiert wurde. Die im Programm der NSDAP geforderte Einführung der Staatsbürgerkunde unterblieb: "Weltanschauung" sollte "nicht Gegenstand oder Anwendungsgebiet des Unterrichts" sein; sie sollte vorausgesetzt werden (nur in Württemberg-Hohenzollern wurde "weltanschaulicher Unterricht" eingeführt). Die umfangreichen Richtlinien für "Erziehung und Unterricht in der Höheren Schule" widersprachen im Vergleich zu den knapp gehaltenen für die anderen Schulgattungen deutlich der sonst vertretenen "Umwertung" aller tradierten Wertsetzungen (Erziehung).

    Das Reichsschulpflichtgesetz vom 6. 7. 38 brachte nicht nur die Festlegung der Dauer des Volksschulbesuchs auf acht Jahre, sondern erforderte auch den Ausbau der Berufsschulen, insbesondere für die landwirtschaftlichen Berufe. Das duale Ausbildungssystem blieb erhalten, doch wurde das Angebot an Fach-, Techniker- und Ingenieurschulen verstärkt. Der BDM richtete eigene Haushaltsschulen ein. Statt der Aufbauschulen wurden vorrangig Lehrerbildungsanstalten (zu 2/3 für Mädchen) gefördert; zwölf Adolf-Hitler-Schulen galten als "Aufbauschulen der Partei", das Landjahr-Lager bot Möglichkeiten zum Übergang auf eine Nationalpolitische Erziehungsanstalt; Deutsche Heimschulen, insbesondere für "Volksdeutsche", wurden z. T. gesamtschulartig organisiert. Durch die Einrichtung der Hauptschule als Auslese-Pflichtschule sollte der Zugang zur weiterführenden Bildung ab 1941 in stärkerem Maße politisch kontrollierbar werden. Die Pläne Schirachs, diese Bildung während des Kriegs auf die Zeit bis zum 16. Lebensjahr zu begrenzen, wurden 1943 durch die Einberufung der Schüler als Flakhelfer Wirklichkeit.

    Trotz ihrer Widersprüchlichkeit ist die Schulpolitik in ihrem Ergebnis als konsequente Durchsetzung von Hitlers Maximen zu interpretieren: Verkürzung und Ideologisierung des Unterrichts, Ausweitung der Leibeserziehung, Geschlechtertrennung, Aussonderung der Juden, Zurückdrängen des kirchlichen Einflusses, Sicherung der politischen Kontrolle über schulische Ausleseprozesse, Differenzierung der beruflichen Ausbildung, Erzeugung von Kriegsbegeisterung bei den Jungen und Vorbereitung auf die Mutterrolle bei den Mädchen. Weit restriktiver wirkte sich die deutsche Besatzungspolitik auf das Schulsystem in Polen aus: Hier wurde die Schulbildung auf ein Minimum reduziert. Im Zuge der Verwirklichung dieser Tendenzen wurden aber auch Motive freigesetzt, die für die Sicherung des politischen Systems nur bedingt funktional waren und denen deshalb im Krieg teilweise repressiv begegnet wurde: Öffnung der Schule für politische Aktivitäten, Stärkung des Selbstbewusstseins und der Mobilität der Jugendlichen, insbesondere der Mädchen; Tendenzen in der Lehrerschaft, ein partnerschaftliches Verhalten Schülern gegenüber zu entwickeln und den Unterricht abwechslungsreicher zu gestalten, von Lern- zu Leistungsanforderungen überzugehen, die die Schüler als Personen in Anspruch nahmen. Obwohl sich die Anforderungen an die Jugendlichen addierten, ist diese Überbeanspruchung hingenommen worden, soweit sich Aufstiegshoffnungen mit ihr verbinden konnten. Persönliche Erwartungen wurden so mit dem Ziel des "Endsiegs" eng verknüpft.