Schutzstaffel

    Aus Lexikon Drittes Reich

    (SS). Die SS der NSDAP war wie keine andere Institution des Dritten Reichs die Verkörperung nationalsozialistischer Herrenmenschen-Ideologie. Die Frühgeschichte der SS reicht ins Jahr 1923 zurück, als Hitler eine "Stabswache" unter Führung von J. Berchtold aufstellte. Als Folge des Hitlerputsches vom 9. 11. 23 verboten, wurde sie Anfang 1925, diesmal unter dem Kommando von J. Schreck, neu begründet. Schon bald bildeten sich auch andernorts Staffeln in der Größe von zunächst nur je einem Führer und zehn Mann. Hauptaufgaben dieser ab Sommer 25 als "Schutzstaffeln" bezeichneten Stabswachen waren insbesondere der Schutz der Parteiprominenz, Versammlungsschutz sowie Werbeaktionen für die Partei. Die Staffeln standen also nicht in der Tradition der Wehrverbände, sondern waren Parteikader, deren Bedeutung für Hitler in ihrer unbedingten - seitens der SA nicht immer verbürgten - Loyalität seiner Person gegenüber lag.

    Die eigentliche Geschichte der SS beginnt mit der Berufung Himmlers zum - nach Berchtold und E. Heiden dritten - Reichsführer-SS (RFSS) am 6. 1. 29. Im Windschatten des allgemeinen Aufstiegs von NSDAP und SA gelang es Himmler, die Mitgliederzahl der SS von zunächst wenigen hundert auf rund 52 000 Ende 32 zu steigern. Auch begannen sich neue Aufgabenfelder abzuzeichnen: Mit der Niederwerfung der parteiinternen Stennes-Revolte und dem 1931 von Heydrich begonnenen Aufbau eines "Ic-Dienstes", der Keimzelle des späteren Sicherheitsdienstes (SD), etablierte sich die SS als "Parteipolizei" der NSDAP. Zugleich dokumentierte die Errichtung eines "Rasse- und Siedlungsamts" (1931) die Entschlossenheit des neuen RFSS, mit der SS einen Führungsorden auf der Grundlage "biologischer Auslese" zu schaffen.

    Trotz nochmaliger Vervierfachung der Mitgliederzahl auf ca. 209 000 Ende 33 vollzog sich der machtpolitische Aufstieg der SS nach der so genannten Machtergreifung zunächst eher im Stillen. Himmlers Berufung auf die unscheinbare Stelle eines kommissarischen Polizeipräsidenten von München (9. 3. 33) erwies sich als Ausgangspunkt einer Entwicklung, welche den SS-Chef binnen fünfzehn Monaten zum Herrn der Politischen Polizei in sämtlichen deutschen Ländern aufsteigen ließ. Damit verfügte Himmler nicht allein über ein schlagkräftiges Machtinstrument; wichtiger noch war, dass sich mit der Übernahme immer weiterer Partei- und Staatsfunktionen in die Hände der SS eine für die Systemstruktur dieses Regimes typische "Führerexekutive" herausbildete. Kennzeichnend für sie war, dass ihr Handeln letztlich nicht mehr durch allgemeine Rechts- und Gesetzesnormen, sondern allein durch den Willen des "Führers" legitimiert und bestimmt wurde.

    Ihre diesbezügliche Bewährungsprobe bestand die SS mit der Liquidierung der SA-Führung am 30. 6. 34 bei der so genannten Röhm-Affäre, welcher die Erhebung der - bis dahin der Obersten SA-Führung unterstellten - SS zur "selbständigen Organisation" der NSDAP folgte (20. 7. 34). Von der Vormundschaft der SA befreit, konnte Himmler nun jenes allumfassende Kontroll- und Beherrschungssystem aufbauen, das später "SS-Staat" genannt wurde. Drei Entwicklungsstränge kennzeichnen diesen auf die Schaffung eines einheitlichen "Staatsschutzkorps" abzielenden Prozess: Zum einen wurde die Verzahnung von SS und Polizei weiter vorangetrieben. Die Ernennung Himmlers zum Reichsführer SS und Chef der Deutschen Polizei (RFSSuChdDtPol) am 17. 6. 36 sowie die Errichtung des Hauptamts Ordnungspolizei und des Reichssicherheitshauptamts (RSHA) schufen die institutionelle Grundlage für die nun zunehmend auch personelle Verschmelzung. Zugleich wurde der SD, der seit 1934 bereits über das Nachrichtenmonopol innerhalb der NSDAP verfügte, ausgebaut. Seit Herbst 38 durfte er offiziell auch in staatlichem Auftrag tätig werden; im Februar 44 wurde ihm auch die bis dahin zum OKW gehörige militärische Abwehr unterstellt. Drittens erfuhren die z. T. erst im Sommer 34 von der SA übernommenen und Eicke als Inspekteur unterstellten Konzentrationslager (KZ) bis 1937 eine grundlegende, am "Modell" des Lagers Dachau orientierte Reorganisation. Ihr Ergebnis war eine Zentralisierung und straffere Kontrolle der Lager und ihrer Wachmannschaften (Totenkopfverbände), die effektivere Ausbeutung der Häftlingsarbeit sowie die planmäßige Abschottung dieses Sektors gegenüber den Hoheitsrechten von Justiz und Reichsinnenministerium.

    Während sich die SS im Bereich der inneren Sicherheit des Regimes also rasch eine Monopolstellung zu verschaffen verstand, begegneten ihre militärischen Ambitionen stärkerem Widerstand. Mit der auf Befehl Hitlers im März 33 aufgestellten "Leibstandarte" und den bald darauf verschiedenenorts entstehenden "Politischen Bereitschaften", die im Herbst 1934 zur Verfügungstruppe zusammengefasst wurden, verfügte die SS schon früh über militärisch organisierte Freiwilligenverbände. Sie waren, ebenso wie die 1934/35 gegründeten SS-Führerschulen (Junkerschulen), der Kontrolle durch die Armee weitgehend entzogen. Die Bedeutung dieser Einrichtungen, deren militärische Funktion nach jahrelangem Tauziehen zwischen SS- und Heeresführung durch Erlass Hitlers vom 17. 8. 38 ausdrücklich anerkannt wurde, lag zunächst weniger in ihrer Stärke (1. 1. 39: ca. 14 000 Mann) als vielmehr in der Tatsache, dass ihre Existenz an sich eine irreversible Durchbrechung des Waffenmonopols der Wehrmacht darstellte.

    Der Einfluss der SS beschränkte sich indes nicht allein auf die Verfügungsgewalt über einige zentrale Gewaltinstrumente. Vielmehr verstand Himmlers "Schwarzer Orden" sich in bewusster Anlehnung an Adel und Ritterschaft früherer Jahrhunderte als eine gesamtgesellschaftliche Führungselite. Als solche beanspruchte sie, Vorbild und Erzieher des ganzen Volkes zu sein, um diesem seine "außerchristlichen arteigenen weltanschaulichen Grundlagen für Lebensführung" zurückzugeben, welche durch einen tausendjährigen Irrweg christlich-abendländischer Geschichte verschüttet worden seien. Unter solch versponnener Zielsetzung nahm die SS erheblichen Einfluss auf Propaganda und Kultur, Religion und Wissenschaft. Das SS-Hauptamt und das Rasse- und Siedlungshauptamt (RuSHA) produzierten zu diesem Zweck eine Fülle von Büchern, Pamphleten und Filmen; aber auch die von der SS kontrollierten Nationalpolitischen Erziehungsanstalten sowie die Vereine Lebensborn und Ahnenerbe dienten als Vermittlungsinstanzen des SS-Weltbilds.

    Dieses Weltbild und der daraus abgeleitete Herrschaftsanspruch waren neben der Person des RFSS die einzige Klammer der in ihren Funktionen wie in ihrer sozialen Zusammensetzung ansonsten so heterogenen SS. Es zu pflegen, bemühte sich Himmler darum auf ebenso skurrile wie pedantische Weise: Er gab der SS eine Art von Ordensregel, schuf ihr mit der westfälischen Wewelsburg ein spirituelles Zentrum, führte in Anlehnung an unterschiedliche historische Vorbilder pseudoreligiöse Rituale und Weihefeiern, Symbole und Kultgegenstände (u. a. Ehrendolch, Totenkopfring, Julleuchter) ein. All dies sollte nicht nur die mystischen Bedürfnisse religiös entfremdeter SS-Sippen befriedigen, sondern zugleich ein Korsett von Traditionen schaffen, welche auch in einem sich mehr und mehr ausdifferenzierenden SS-Imperium ein SS-mäßiges Verhalten des Einzelnen garantieren würden.

    Mit fortschreitender Dauer des Kriegs erfuhren solche Bemühungen freilich Rückschläge. Das Gesicht der SS wandelte sich, ohne dass sich ihre machtpolitische Zielsetzung geändert hätte. V. a. die nichtberufliche Allgemeine SS, vor dem Krieg das weltanschauliche Herzstück des Ordens, büßte nun, da ihre Mitglieder bis auf wenige Ausnahmen zum Kriegsdienst eingezogen wurden, ihre frühere Bedeutung ein. Umgekehrt gewann die im Herbst 1939 aus der Verschmelzung von Verfügungstruppe, Totenkopfverbänden und Junkerschulen entstandene Waffen-SS rapide an Umfang und Gewicht. Als Folge davon wandelte sich der militärische Flügel der SS zunehmend von einer elitären Prätorianergarde zu einem teils aus "germanischen" und osteuropäischen Freiwilligen, teils aus deutschen und volksdeutschen "Zwangsfreiwilligen" bestehenden Vielvölkerheer, dessen Soldaten mehrheitlich den Tauglichkeitsanforderungen des SS-Ordens keineswegs entsprachen. Militärpolitisch entscheidendes Gewicht gewann die SS erst, als Himmler nach dem Putsch vom Zwanzigsten Juli 1944 die Position des "Befehlshabers des Ersatzheeres und Chefs der Heeresrüstung" sowie weitere wichtige Funktionen im Bereich der Heeresführung übertragen wurden.

    Die historisch verhängnisvollste Rolle war der SS auf dem Feld der Besatzungspolitik beschieden, zumal sich gerade hier bevölkerungs- und außenpolitische, sicherheitspolizeiliche, militärische und ökonomische Interessen überschnitten. Entschlossen, sich zum Motor nationalsozialistischer "Neuordnung" in Europa zu machen, versuchte die SS in oftmals heftiger Konkurrenz zu Militär- und Zivilverwaltung, die Kontrolle und Ausbeutung der besetzten Territorien an sich zu ziehen. Sachwalter solcher Ambitionen waren insbesondere die Höheren SS- und Polizeiführer (HSSPF), die, wo immer möglich, als verlängerter Arm des RFSSuChdDtPol eingesetzt und mit umfassenden, freilich nie genau definierten Kompetenzen ausgestattet wurden. Kernstück dieser Kompetenzen waren die politische Verwaltung und polizeiliche "Befriedung" der besetzten Gebiete, aber auch die zu deren Germanisierung betriebenen Um-, Aus- und Ansiedlungsprogramme, welche Himmler in seiner Eigenschaft als "Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums" anordnete.

    Die Auswirkungen all dieser Maßnahmen gewannen spätestens ab 1941 eine mit der Repressionspolitik der Vorkriegsjahre kaum mehr vergleichbare Dimension. Nicht mehr um den Schutz des Regimes ging es nun primär, sondern um die kollektive Aussonderung und "Ausmerzung" ganzer Bevölkerungsteile (Juden, "Zigeuner", Slawen u. a.) bei gleichzeitiger Ausnutzung ihrer Arbeitskraft ("Vernichtung durch Arbeit"). Diese Doppelfunktion spiegelte sich in der Entwicklung der KZ, deren Häftlingszahl trotz hoher Sterblichkeitsraten von ca. 25 000 bei Kriegsbeginn bis auf über 700 000 Anfang 1945 stieg. Angesichts des kriegsbedingten Arbeitskräftemangels der freien Wirtschaft stellte dies ein zunehmend unverzichtbares Potential dar, welches Himmler gegen den Widerstand des Speerschen Rüstungsministeriums zum Aufbau eines SS-eigenen Rüstungskonzerns zu nutzen gedachte.

    Gleichwohl war der für Lager wie Maidanek typische ökonomische Effekt der Vernichtung allenfalls eine Begleiterscheinung, nicht aber der Zweck jener Endlösung der Judenfrage, welche von der SS wohl nicht ersonnen, jedoch widerspruchslos durchgeführt wurde. Die schon mit Beginn der Kriegshandlungen in Polen und der Sowjetunion einsetzenden Aktionen der Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD, denen allein bis November 42 über 800 000 Menschen zum Opfer fielen, dienten keinem ökonomischen, militärischen oder sonstwie kriegswichtigen Zweck, sondern allein der Vernichtung selbst. Erst recht gilt dies für den im Anschluss an die Wannseekonferenz (20. 1. 42) in den Vernichtungslagern, v. a. in Chelmno, Belzec, Sobibór, Treblinka und Auschwitz, vollzogenen Völkermord. Durch ihn erwies die SS sich einmal mehr als bedingungslos loyale "Führerexekutive" und konnte sich berechtigte Hoffnungen machen, den nunmehr "bereinigten Ostraum" nach Kriegsende in eigener Regie verwalten zu dürfen.

    An der Durchführung der Endlösung war nur eine Minderheit der SS-Angehörigen unmittelbar beteiligt. Es war dies vielleicht nicht einmal die typischste, sicherlich aber die geschichtsmächtigste jener vielen Funktionen, welche die SS ausübte. Alle diese Funktionen freilich, so verschiedenartig sie sein mochten, entsprangen und dienten ein und demselben rassenideologischen Herrschaftswillen, dessen Bezugspunkt für die SS stets Hitler selbst war. Sein Tod bedeutete mithin auch ein Ende der SS, die im Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess als "verbrecherische Organisation" eingestuft wurde.