Schweiz

    Aus Lexikon Drittes Reich

    (amtlich Schweizer Eidgenossenschaft), Bundesstaat in Mitteleuropa mit 41 288 km2 und rund vier Millionen Einwohnern (1930). Die Schweiz trat 1920 dem Völkerbund bei und erklärte ihre "differenzierte" Neutralität (Verpflichtung zu wirtschaftlichen Sanktionen), kehrte aber 1938 zur "integralen" (unbedingten) Neutralität zurück. Unter Bundesrat G. Motta als Leiter des Politischen Departements (1920-40) hielt sie auch nach Verschlechterung der militärgeographischen Lage durch den Anschluss Österreichs eine kontinuierliche Linie der außenpolitischen Unabhängigkeit zwischen dem faschistischen Italien (1936 Anerkennung des "Impero") und dem nationalsozialistischen Deutschland mit dem Ziel einer Erhaltung der nationalen Existenz und der liberal-demokratischen Lebensformen. Während faschistisch und nationalsozialistisch orientierte Erneuerungsbewegungen ("Frontismus") v. a. nach dem wirtschaftlichen Aufschwung seit 1936 ohne große Resonanz blieben, wurde eine straff von Berlin gelenkte "Fünfte Kolonne" (Gustloff) allgemein als ernste Bedrohung der nationalen Unabhängigkeit und Staatlichkeit empfunden.

    Dem zangenartigen politisch-militärischen Zugriff der "Achse" nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und v. a. nach der Kapitulation Frankreichs entzog sich die nunmehr völlig isolierte neutrale Schweiz durch eine Doppelstrategie von Anpassung und Widerstand: Pressezensur, strikte Betonung der Neutralität trotz zahlreicher Neutralitätsverletzungen von allen Seiten und Bereitstellung der Gotthardbahn für deutsch-italienische Materialtransporte gegen das Offenhalten der lebenswichtigen Außenhandelsverbindungen einerseits, Generalmobilmachung, Kriegswirtschaft, Zusammenschluss zur "geistigen Landesverteidigung" von links bis rechts und eine Militärstrategie des "Réduit national" (Ausbau der Alpen- oder Zentralraumstellung) andererseits, die jeden Angriff zu einem kostspieligen und mühevollen Unternehmen gemacht hätte. Auch während des Kriegs spielte die Schweiz eine wichtige Rolle als Aufnahmeland für politische Asylanten trotz mancher Restriktionen, als Stätte eines freien deutschen Worts in Europa (Zürcher Schauspielhaus) und als bevorzugter geheimer Kontaktplatz zwischen den verfeindeten Mächten (Verbindungen des deutschen Widerstands nach Westen, Anbahnung der deutschen Kapitulation in Italien Ende April 45). Die gemeinsame Bedrohung von außen stärkte die gesamtschweizerische Solidarität und Identität und blockierte künftig alle Irredenta- und Anschlusstendenzen.