Sowjetunion

    Aus Lexikon Drittes Reich

    (amtlich seit 1922 Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken, UdSSR), europäisch-asiatischer Staat mit fast 22 Millionen km2 und 164 Millionen Einwohnern (1932), Hauptstadt Moskau. Nach dem Ende des Kriegskommunismus 1917/21, des Bürgerkrieges und der äußeren Interventionen (18. 3. 21 Friede von Riga, Verlust Galiziens und eines weißrussischen Streifens an Polen) und der Einleitung einer inneren Konsolidierung 1921 durch Lenins "Neue Ökonomische Politik" (NEP) begann die Sowjetunion mit dem Abbau der außenpolitischen Isolierung: Durch den Rapallo-Vertrag 1922 (1926 bekräftigt durch den Berliner Vertrag) Beginn einer engen politischen, wirtschaftlichen und militärischen Zusammenarbeit mit der Weimarer Republik; 1924 Anerkennung durch Frankreich, Großbritannien (1927-29 unterbrochen) und die meisten europäischen Staaten. Der grundsätzlichen Doppelbödigkeit sowjetischer Außenpolitik – politisch-ideologes Offensivstreben und nationales Sicherheitsbedürfnis – entsprach immer eine Ambivalenz ihrer Außenbeziehungen zu den kapitalistischen Staaten: korrekte zwischenstaatliche Beziehungen bei strikter ideologischer Abgrenzung. Stalins mit dem 1. Fünfjahresplan (1928-33) eingeleitete Politik der forcierten Industrialisierung, Aufrüstung (Zusammenarbeit mit der Reichswehr) und Zwangskollektivierung sowie seine zeitweilige Absage an die Weltrevolution durch das Bekenntnis zum "Aufbau des Sozialismus in einem Lande" hatten weitreichende außenpolitische Konsequenzen: Die Sowjetunion wurde zum attraktiven Anlagefeld für westliche, insbesondere deutsche industrielle Investitionen gegen sowjetische Rohstoff- und Nahrungsmittellieferungen und wurde zu defensiver Sicherheitspolitik nach außen gezwungen.

    Die wider Erwarten starke Stellung des nationalsozialistischen Regimes und die rasche Abkühlung der deutsch-sowjetischen Beziehungen nach 1933 mit einer Hinwendung Hitlers zu Polen (1934 Deutsch-Polnischer Nichtangriffspakt) führten von 1935 an unter dem Außenminister Litwinow in Abwehr der faschistischen Gefahr zu einem – ideologisch durch die Strategie der "Volksfront" zwischen kommunistischen, sozialistischen und linksbürgerlichen Parteien abgestützten – Kurswechsel hin zur Politik der kollektiven Sicherheit (18. 9. 34 Beitritt zum Völkerbund) und zur Öffnung nach Westen (1933 Anerkennung durch die USA, 1935 französisch-sowjetischer und sowjetisch-tschechischer Beistandspakt). Vorbereitet durch die blutigen "Säuberungen" im Staats-, Partei- und Militärapparat 1935/37, den Aufstieg Stalins zur Alleinherrschaft und durch die politisch-diplomatische Isolierung der Sowjetunion durch die Westmächte 1938 (Appeasement, Münchener Abkommen) und personell dokumentiert in der Ablösung Litwinows durch Molotow (3. 5. 39), folgte im Sommer 39 nach zweigleisigen Verhandlungen mit London/Paris und Berlin mit dem Deutsch-Sowjetischen Nichtangriffsvertrag vom 23. 8. 39 ein erneuter Richtungswechsel der sowjetischen Außenpolitik, der mit in den Zweiten Weltkrieg führen sollte.

    Bis 1941 konnte die Sowjetunion – mit Ausnahme Finnlands ( Winterkrieg) – das ihr vertraglich zugesicherte Glacis okkupieren: 17. 9. 39 Einmarsch in Ostpolen, 27. 6. 40 Annexion Bessarabiens und der Nordbukowina, Juli/August 40 Anschluss der Baltischen Staaten. Der fast vierjährige Abwehrkampf gegen den deutschen Überfall (22. 6. 41) wurde zum "Großen Vaterländischen Krieg" proklamiert (Russlandfeldzug). Er brachte durch die Mobilisierung des nationalen Patriotismus, die große Zahl der Kriegsopfer, den Partisanenkampf, die brutale deutsche Kriegführung und Besatzungspolitik (Generalplan Ost) und den schließlichen Sieg für das Stalin-Regime nicht nur innenpolitisch ein hohes Maß an Massenloyalität und Legitimität, sondern auch außenpolitisch – auf der Basis der oft recht eigenwillig ausgelegten Abmachungen von Teheran (1943), Jalta (1945) und im Potsdamer Abkommen – eine Erweiterung der sowjetischen Einflusssphäre bis tief nach Mittel- und Südosteuropa hinein.