Sozialdarwinismus

    Aus Lexikon Drittes Reich

    Übertragung der Darwinschen Gesetze auf den Menschen und die Gesellschaft. Danach sind v. a. die Prinzipien der Selektion und des Kampfs ums Dasein auch für den Menschen und für die Gesellschaft, die als eine besondere Art von Organismus aufgefasst wird, gültig. Auslese, Ausmerze, das Recht des Stärkeren werden nicht nur in der Natur, sondern auch im Verhältnis menschlicher Individuen und Kollektive (Rassen, Völker) zueinander als naturwissenschaftlich gegeben betrachtet und sind vom Staat gegen kontraselektivische Einflüsse der Kultur und Zivilisation zur Geltung zu bringen. In Verbindung mit der Rassenanthropologie, die der nordischen Rasse einen naturgegebenen Führungsanspruch attestierte, und der Rassenhygiene, die eine allgemeine qualitative Verbesserung des menschlichen Erbguts anstrebte, wurden Forderungen nach Aufartung und nach Ausmerze schlechter Erbmasse erhoben.

    In Deutschland wurde der Sozialdarwinismus, schon 1863 durch Ernst Haeckel propagiert, v. a. durch die Ärzte W. Schallmeyer, den ersten Preisträger des 1900 veranstalteten Preisausschreibens "Was lernen wir aus den Principien der Descendenztheorie in Beziehung auf die innerpolitische Entwicklung und Gesetzgebung der Staaten", und Ploetz, den Begründer der Rassenhygiene, popularisiert und fand Anhänger in allen Schichten des Bürgertums, aber auch in Arbeiterkreisen und bei Jugendlichen aller Schichten. Durch den Sozialdarwinismus wurden die ideologischen und praktischen Voraussetzungen für die Aktionen des Nationalsozialismus geliefert: Zwangssterilisation von Erbkranken, Ermordung von Geisteskranken in den Aktionen der Euthanasie, Ermordung der Juden und anderer als rassisch minderwertig angesehenen Gruppen im Rahmen der Endlösung.