Sturmabteilung

    Aus Lexikon Drittes Reich

    (SA). Terror in Form von Saal- und Straßenschlachten kennzeichnete das öffentliche Auftreten des Nationalsozialisten von Anfang an. Besonders bewährt hatte sich der stabsmäßig vorbereitete, geschlossene Einsatz von Soldaten, die Hauptmann Röhm von der Münchner Reichswehr zu diesem Zweck abordnete. Am 3. 8. 21 fasste Hitler deshalb bewährte Schläger zusammen, die sich nach der Bürgerbräu-Saalschlacht (4. 11. 21) SA nannten. Den Aufbau der SA, den Röhm entscheidend förderte und bestimmte, übernahmen Offiziere aus dem rechtsradikalen Geheimbund des Freikorpsführers Ehrhardt (Organisation Consul). Unter ihrem ersten, noch von Ehrhardt besoldeten Führer, Hans-Ulrich Klintzsch, geriet die SA folgerichtig in das Fahrwasser der nationalen Wehrverbände und wurde schließlich während des Ruhrkampfs, von der örtlichen Reichswehr militärisch ausgebildet, regelrecht in die Landesverteidigung einbezogen. Göring änderte als zweiter SA-Führer (1923) nichts an dieser Ausrichtung, die sich als sehr werbewirksam für die NSDAP erwies. Obwohl die SA bei ihren Einsätzen als unbewaffnete Parteitruppe 1921/22 die geforderte Schlagkraft bewies und das gewünschte Aufsehen erregte, nahm Hitler an ihrem Doppelcharakter, der ihm die politische Verfügung nur zum Teil beließ, Anstoß und schuf mit dem "Stoßtrupp Adolf Hitler" seine eigene Garde, die Keimzelle der Schutzstaffeln (SS).


    Nach dem Hitlerputsch vom 8./9. 11. 23, bei dem ihr Handstreich auf die Münchner Reichswehrkasernen abgeschlagen und sie selbst vor der Feldherrnhalle zersprengt worden war, wurde die SA verboten und löste sich auf. Einen Kern hielt Röhm zusammen und baute ihn reichsweit als "Frontbann" aus. Hitler beauftragte ihn nach seiner Haftentlassung 1925 mit dem Wiederaufbau der SA, verweigerte aber die erneute Übernahme der paramilitärischen Konzeption Röhms. Die SA-Einheiten, die spontan mit den örtlichen Neugründungen der NSDAP – z. T. zusammen mit Frontbannen – entstanden, orientierten sich an der politischen Aufgabe: Aufmärsche und Zusammenstöße. Militärisch blieben nur Elemente des Auftretens und der Erscheinung, wie die 1924 aus dem Nachlass der deutsch-ostafrikanischen Schutztruppe bezogene Uniform. Dennoch endete das Nebeneinander von Frontbannen und SA selbst nach Röhms Abgang im April 25 nicht sofort. Erst mit der Zentralisierung der bisher unzusammenhängenden SA-Einheiten unter dem Obersten SA-Führer (Osaf) Pfeffer v. Salomon (1926-30) siegte Hitlers Richtung.


    Die Koordination des Aufbaus erfolgte nach "Grundsätzlichen Anordnungen" (GRUSA) und "SA-Befehlen" (SABE) des Osaf, für die Hitlers Wünsche nur als Richtlinien dienten. Überhaupt durfte die Politische Organisation auf allen Ebenen, auch der obersten, die Aufgaben nur bezeichnen; die Durchführung lag in der Alleinzuständigkeit der SA. Konflikte mit der Staatsgewalt wurden dabei sorgfältig vermieden, wobei Pfeffer bis zum Erlass einer in Wahrheit ungültigen Vorzeigesatzung (GRUSA II) ging. Die Gliederung handhabte Pfeffer sehr elastisch, so dass die Einheiten von der Brigade bis hinunter zur Schar je nach den örtlichen Verhältnissen von sehr verschiedener Größe waren. Die Hierarchie der Führungsebenen kreuzte er mit der egalitären Homogenität des Führerkorps, in dem es nur Dienst-, nicht Rangbezeichnungen und -abzeichen gab. Ausrüstungs- und Dienstkosten hatten die SA-Männer neben den Beiträgen für die obligatorische Parteimitgliedschaft selbst zu tragen, doch gelang es Pfeffer, ab 1929 Zuschüsse zu geben und Sozialmaßnahmen treffen zu können.

    Dadurch konnte sich die SA die Arbeitslosigkeit der Weltwirtschaftskrise als Massenzustrom nutzbar machen. Ihr Anwachsen verband sich mit den ersten großen Wahlerfolgen der NSDAP, die die SA ihren Aktivitäten in Form disziplinierter Demonstrationen wie zügellosen Straßenterrors zuschrieb. Doch wies Hitler die z. T. rabiat vorgetragenen Ansprüche zurück, die sie daraus ableitete (Stennes-Revolten), und übernahm den Posten des Osaf selbst. Der Stabschef der SA, 1929/30 Otto Wagener (1888-1971), wurde damit erheblich aufgewertet. Doch da Wagener von der Dynamik der sich radikalisierenden Parteiarmee überfordert war, übertrug Hitler die tatsächliche Führung erneut Röhm, der sich unter der Bedingung weitgehender Unabhängigkeit für die Stellung des Stabschefs (1931-34) gewinnen ließ. In den hektischen Folgejahren wurde die SA durch explosives Wachstum (Ende 31: 260 000, Januar 33: 600 000-700 000) und extreme Fluktuation – besonders im Wechsel mit der KPD und dem Rotfrontkämpferbund – in ihren Zielen noch unberechenbarer und blieb nur ihrem Zweck, Propaganda- und Terrorinstrument zu sein, eindeutig treu. Röhm hob sogar die Verpflichtung zur Parteimitgliedschaft auf, was der SA nach der Aufnahmesperre der NSDAP (1. 5. 33) riesigen Zustrom bescherte. Das vorübergehende Verbot der SA (April-Juni 32) lähmte ihre Aktivitäten nicht, sondern provozierte eine Terrorwelle, die bis zur Machtergreifung nicht mehr abebbte. Von März bis Herbst 33 konnte die SA dann, hauptsächlich aus Beschäftigungslosen bestehend und gelegentlich sogar kriminell infiltriert, hemmungslos Rache an ihren politischen Gegnern und ideologischen Feinden nehmen (ca. 50 000 Häftlinge in eigenen, z. T. "wilden" KZ, Schutzhaft). Ihren realen Macht- und Versorgungsansprüchen trat das Regime jedoch entgegen, das keinen Umsturz, sondern Gleichschaltung wünschte. Als die SA eine Zweite Revolution forderte, um überhaupt noch eine Aufgabe zu haben, wurde sie durch die Aktion des 30. 6. 34 (Röhm-Affäre) als Machtfaktor zugunsten der SS ausgeschaltet.


    Der Ermordung von etwa 50 Führern durch die SS folgte eine rapide Schrumpfung. Sie sah sich nun von den kompromittierendsten Persönlichkeiten – Röhm an ihrer Spitze – befreit und konnte endlich diejenigen ausscheiden, die Moral und Justiz widersprachen. Die hohen Zahlenrückgänge ergaben sich v. a. aus der Wiederausgliederung sowieso inaktiver Teile, wie des ehemaligen "Kyffhäuser-Bunds" mit 1,5 Millionen, und der Massenentlassung von Mitläufern und Versorgungssuchenden. SS und HJ, die dem Stabschef nominell unterstanden hatten, wurden auch formal unabhängig. Eine echte Einbuße bedeutete dagegen die Verselbständigung des NSKK und die Eingliederung des SA-Feldjägerkorps in die Schutzpolizei. Durch Letzteres wurde die SA dem polizeilichen Zugriff und, durch endgültige Verweigerung einer eigenen Gerichtsbarkeit, der öffentlichen Justiz bzw. der SS unterworfen. Für Neuaufnahmen wurde ein Filter vorgeschaltet: Bewerber hatten vorher der HJ oder der Wehrmacht anzugehören. Der unkontrollierbare Massenzustrom mit seinen radikalisierenden Folgen war damit unterbunden. Von 4,5 Millionen im Juni 34 sank die Mitgliederzahl bis September 34 auf 2,6 Millionen, bis Oktober 35 auf 1,6 Millionen und bis 1938 auf 1,2 Millionen ab.

    Mit ihrer vollständigen Entwaffnung und der Abgabe ihrer Waffenbestände an die Reichswehr, wo diese die Wiederaufrüstung spürbar voranbrachten, verlor die SA ihr Drohpotential. Die Beschränkung auf Selbstverteidigungsmittel für Führer und wenige Stabswachen hob nicht nur ihre Eigenschaft als paramilitärischer Verband auf, die sich unter Röhm wieder eingestellt hatte, sondern stufte auch ihre Ausbildung auf Sport mit Wehrbezug herab.

    Das Ausscheiden des Rowdytums auf dem Disziplinarweg und die Einschmelzung des ehemaligen Stahlhelm veränderten die SA nur langsam. Gewalttätige Vorkommnisse und v. a. die maßgebliche Beteiligung am Pogrom vom 9. 11. 38 (Kristallnacht) zeigen, dass die terroristische Energie der nationalsozialistischen Bewegung mehr oder minder latent in der SA gebündelt und abrufbar blieb, bis ihr der Krieg auf andere Weise ein Ventil öffnete. So behielt die SA, im Kontrast zu ihrem Machtverfall unter Röhms Nachfolger Lutze (Stabschef 1934-43), eine wichtige politische Funktion, die ihre weitere Existenz für das Regime durchaus rechtfertigte. Neben Aufmärschen, Sammelaktionen u. Ä. fiel ihr die vormilitärische Wehrerziehung zu, in der der Nationalsozialismus eine seiner Hauptaufgaben sah. Dabei verstärkte sich der Einfluss der entsprechend geschulten ehemaligen Stahlhelm-Angehörigen, denn Lutze beseitigte die gewachsenen Einheiten von Alt-SA und Stahlhelm zugunsten herkunftsmäßig gemischter und größenmäßig normierter Einheiten. Am 15. 2. 35 erneuerte Hitler die Stiftung des SA-Sportabzeichens (ab 19. 1. 39 SA-Wehrabzeichen) dergestalt, dass es auch von Nichtmitgliedern der SA erworben werden konnte. Dass diese Prüfung den Nachweis nationalsozialistischer "Gesinnung" ohne größere Aktivitäten in der "Bewegung" ermöglichte, verlieh der SA beträchtliche Attraktivität. Galt sie doch offen als "das politisch harmloseste Unternehmen der Partei" (Heeresadjutant Engel, 1939), das bis Kriegsausbruch 1,5 Millionen junge Männer zum Nachweis der Systemkonformität in Anspruch nahmen. Mit Kriegsausbruch übernahm die SA die Ausbildung zurückgestellter Wehrpflichtiger, die in den "SA-Wehrmannschaften" stattfand und bis April 40 noch einmal 1,5 Millionen Freiwillige erfasste. Zugleich rückten 60 % der Mannschaften und 80 % der Führer in die Wehrmacht ein, da der SA-Dienst nicht vom Wehrdienst freistellte. Eigene SA-Feldverbände analog zur Waffen-SS wurden nicht gebildet; nur im Sudetenland und in Danzig formierten sich vorübergehend SA-Freikorps. Die Rest-SA erledigte Hilfsaufgaben für Wehrmacht, Polizei, Zoll und Grenzschutz, Luftschutz, SS u. a. m.; 80 000 Bewaffnete unterstanden in "Stürmen z. b. V." den Gauleitern als Polizeiverstärkung gegen Aufstände. Zur Bildung des Volkssturms 1944/45 trug sie nur noch als Personalreservoir bei. Ihr letzter Stabschef, Wilhelm Schepmann (1943-45), wurde bei der Organisation übergangen und brachte es auch nicht zum Reichsleiter in der Partei. Im Nürnberger Prozess wurde die SA als nicht schuldig im Sinne der Anklagepunkte eingestuft.