Theresienstadt

    Aus Lexikon Drittes Reich

    nationalsozialistisches Getto, ursprünglich zur Aufnahme von älteren Juden (Altersgetto) bestimmt, eingerichtet am 24. 11. 41 in der zu diesem Zweck von den Einwohnern (ca. 7 000) evakuierten ehemaligen Garnisonstadt Theresienstadt, etwa 60 km nördlich Prag im Überschwemmungsgebiet der Eger gelegen. Theresienstadt diente in Wirklichkeit hauptsächlich als Durchgangslager im Gesamtkonzept der Endlösung der Judenfrage für Deportationstransporte in die Vernichtungslager im Osten (Auschwitz u. a.). Die Bezeichnung "Getto" diente der Verschleierung der eigentlichen Funktion des Lagers. Aus Propagandagründen wurden z. T. auch Bezeichnungen wie z. B. "Vorzugslager" oder "Reichsaltersheim" verwendet.


    In das Lager wurden zunächst jüdische Menschen aus dem Protektorat Böhmen und Mähren, reichsdeutsche Juden über 65 Jahre oder jüdische Gebrechliche über 55 Jahre mit ihren jüdischen Ehegatten und den unter 14-jährigen Kindern, jüdische Weltkriegsteilnehmer mit Kriegsauszeichnungen oder Verwundetenabzeichen und Gruppen jüdischer Menschen aus Westeuropa eingeliefert. Später in den Jahren 1943/44 kamen Juden aus aufgelösten Gettos im Osten und aus Sammellagern in Ungarn sowie unmittelbar vor dem Kriegsende Evakuierungstransporte aus KZ im Osten (auch Nichtjuden) hinzu. Insgesamt wurden über 152 000 Personen in das Lager eingewiesen. Die höchste Belegungsstärke betrug im September 42 über 58 000 Männer, Frauen und Kinder. Über 30 000 Personen befanden sich bei der Befreiung noch in Theresienstadt. Obwohl die Alterszusammensetzung der Eingewiesenen und ihr gesundheitlicher Zustand für einen Arbeitseinsatz ungünstig waren, mussten sie sowohl im Lager selbst als auch in etwa neun Außenkommandos bis zu ihrem Abtransport Zwangsarbeit (Arbeit im Bergbau, Wald- und Gartenarbeiten u. a.) leisten.


    Unterstellt war Theresienstadt der Prager "Zentralstelle für jüdische Auswanderung" (etwa 1943 umbenannt in "Zentralamt für die Regelung der Judenfrage in Böhmen und Mähren"), die ihrerseits unmittelbar dem Eichmann-Referat IV B 4 im RSHA in Berlin unterstand. Viele der Insassen des Lagers waren durch die Vorspiegelung, damit ihre Altersversorgung und ihr Recht auf lebenslange Pflege im "Reichsaltersheim" Theresienstadt, das als eine Art Kurort geschildert wurde, zu sichern, zu so genannten "Heimeinkaufsverträgen", durch die sie ihr gesamtes Vermögen zur Verfügung stellten, veranlasst worden. In Wirklichkeit waren die Lebensbedingungen im Lager katastrophal. Die Häuser und Wohnungen der Stadt, die 7 000 Einwohner beherbergt hatten, waren mit Zehntausenden alter und gebrechlicher Menschen, die z. T. in Kellern und auf zugigen Dachböden untergebracht waren, total überbelegt. Die unzureichende Verpflegung (zeitweise täglich 225 g Brot, 60 g Kartoffeln und eine Wassersuppe), Wassermangel und primitive sanitäre Verhältnisse taten ein übriges, um die Sterbeziffer im Lager in die Höhe schnellen zu lassen. Insgesamt sind in Theresienstadt 34 000 Menschen gestorben.


    Verschiedentlich wurden Insassen des Gettos auch zur Sonderbehandlung in das nahe gelegene Polizeigefängnis bzw. -Lager "Kleine Festung Theresienstadt" gebracht, das der Stapo-Leitstelle Prag unterstand und mit dem Getto organisatorisch nicht verbunden war. So z. B. etwa 30 bis 40 Kinder aus einem Kindertransport des Gettos Bialystok, die im August 43 nach Theresienstadt gekommen und im Lager erkrankt waren. 85 934 Menschen wurden von Theresienstadt aus in Vernichtungslager deportiert. Von ihnen sind fast 84 000 dort umgekommen. 1944 wurde im Lager ein nationalsozialistischer Propagandafilm mit dem Titel "Der Führer schenkt den Juden eine Stadt" hergestellt. Zu diesem Zweck und zur Täuschung über die Verhältnisse im Getto gegenüber einer dänischen Rot-Kreuz-Kommission wurden entsprechende Verschönerungsmaßnahmen an Häusern durchgeführt, die Gettoinsassen vorübergehend gut eingekleidet, Sport- und Musikveranstaltungen durchgeführt u. a. Am 8. 5. 45 wurde Theresienstadt durch sowjetische Truppen befreit.


    Kommandanten des "Gettos" waren Siegfried Seidl (November 41-5. 7. 43; er wurde durch Urteil des Volksgerichts Wien im Oktober 46 zum Tod verurteilt und am 4. 2. 47 hingerichtet); Anton Burger (Juli 43-Ende Januar 44; er wurde nach dem Krieg zur Auslieferung an die CSSR festgenommen, konnte jedoch fliehen. Burger wurde vom "Außerordentlichen Volksgericht" Leitmeritz in Abwesenheit zum Tod verurteilt); Karl Rahm (Februar 44-Mai 45; vom "Außerordentlichen Volksgericht" in Leitmeritz nach dem Krieg zum Tod verurteilt und hingerichtet).