Tischgespräche

    Aus Lexikon Drittes Reich

    Ausführungen Hitlers im Führerhauptquartier während der Mittags- und Abendmahlzeiten sowie der nächtlichen Teestunden. Unmittelbar nach Beginn des Russlandfeldzugs regte Bormann die Aufzeichnung der Tischgespräche an und beauftragte damit seinen Adjutanten Ministerialrat Heinrich Heim. Die Aufzeichnungen beginnen am 5. 7. 41, werden am 12. 3. 42 unterbrochen und danach noch vom 1. 8.-7. 9. 42 fortgesetzt. Vom 21. 3.-31. 7. 42 fertigte in Heims Abwesenheit dessen Vertreter Regierungsrat Henry Picker die Gesprächsvermerke an. Als es Anfang September 42 im Führerhauptquartier über die Kriegführung im Osten zu einer schweren Krise kam und Hitler fortan nicht mehr an den gemeinsamen Mahlzeiten teilnahm, endeten die Niederschriften der Tischgespräche.

    Während Picker über seine mehrfach publizierten Tischgespräche privat verfügt, sind die Heimschen Aufzeichnungen nur in der von Bormann angelegten Sammlung "Führergespräche" zugänglich, die er seiner Frau zur Aufbewahrung übersandte. Sie kamen nach deren Tod (23. 3. 46) in einem Meraner Gefangenenlager in die Hände eines italienischen Regierungsbeamten, der sie dem Schweizer Verleger François Genoud verkaufte. Nachdem sie zuvor schon in französischen und englischen Übersetzungen veröffentlicht waren, wurden sie in deutscher Sprache erstmals 1980 von Werner Jochmann herausgegeben. Bei Heim wie Picker handelt es sich nicht um Stenogramme oder wörtliche Mitschriften, sondern um sinngemäße Zusammenfassungen von Hitlers Äußerungen, die, gestützt auf Notizen, nach den Mahlzeiten niedergeschrieben wurden. Die Tischgespräche müssten eigentlich genauer "Monologe" heißen, da Hitler im Wesentlichen allein sprach. "Die Tischunterhaltung glich einem halblauten Geflüster und verstummte, sobald Hitler etwas sagte. Die ganze Atmosphäre stand im Zeichen einer Respektierung Hitlers, die selbst ergraute Generale und Politiker bei seiner Begrüßung bisweilen vor Aufregung Gläser umwerfen ließ" (Picker).


    Inhaltlich bestätigen die Tischgespräche alles, was Hitlers Weltanschauung ausmachte. Antisemitische Ausführungen durchziehen sie wie ein roter Faden: "Wenn wir diese Pest (die Juden) ausrotten, so vollbringen wir eine Tat für die Menschheit" (21. 10. 41). Strategisch sei die Eroberung von Raum im Osten von ausschlaggebender Bedeutung: "Der Kampf um die Hegemonie in der Welt wird für Europa durch den Besitz des russischen Raumes entschieden" (17./18. 9. 41). Stärker als sonst polemisierte Hitler im vertrauten Kreis gegen die Kirchen: "Der Krieg wird ein Ende nehmen, und ich werde meine letzte Lebensaufgabe darin sehen, das Kirchenproblem noch zu klären"; die Kirche müsse "abfaulen wie ein brandiges Glied. Soweit müßte man es bringen, daß auf der Kanzel nur lauter Deppen stehen und vor ihnen nur alte Weiblein sitzen. Die gesunde Jugend ist bei uns" (13. 12. 41). Im Übrigen plauderte Hitler, mal sprunghaft die Thematik wechselnd, mal sich in einen Gedanken vertiefend, über nahezu sämtliche Lebens- und Wissensgebiete. Der gesellige, zu Scherzen aufgelegte, verbindliche Gastgeber Hitler setzte sich ebenso in Szene wie der kompromisslose Fanatiker, dessen Lieblingswort "eiskalt" war. Für Hitlers Wesen, seine Empfindungs- und Denkvorstellung, für Inhalt und Art seiner autodidaktischen Bildung sind die von Heim und Picker überlieferten Tischgespräche (Jochmann führt noch zehn von Bormann angefertigte Tischgespräche auf) trotz ihres Nachschrift-Charakters bedeutende "Primärzeugnisse" (Schramm) der Hitler-Forschung.