Totalitarismus

    Aus Lexikon Drittes Reich

    wissenschaftlicher Begriff und politisches Schlagwort zur Bezeichnung von politischen Systemen, die durch (gewaltsame) Gleichschaltung aller sozialen, kulturellen und individuellen Äußerungen nach Maßgabe einer verordneten Ideologie gekennzeichnet sind. Der Begriff Totalitarismus bildete sich in den 20er Jahren durch die Kritik am italienischen Faschismus und seinem umfassenden Machtanspruch. Positiv gewendet vereinnahmte Mussolini die Bezeichnung für seine Diktatur, deren "unerbittliche totalitäre Entschlossenheit" er damit betonen wollte. Nach den Erfahrungen mit dem bolschewistischen Stalinismus und dem deutschen Nationalsozialismus, für den u. a. Schmitt und Forsthoff den Totalitarismusbegriff übernahmen, erscheint die italienische Version jedoch eher als Vorform, da sie plurale Elemente im Bündnis etwa mit Krone und Kirche nicht gänzlich zu tilgen suchte. Und selbst der nationalsozialistische Totalitarismus wies durch seine innerparteiliche Polykratie absichtsvoll gepflegte Lücken auf, die immer wieder überbrückende Entscheidungen Hitlers erforderten und damit ein okkasionalistisches Element in den scheinbar monolithischen Führerstaat brachten.


    Der Totalitarismusbegriff ist daher schon auf die Prototypen nur nuanciert anzuwenden. Durch polemischen Missbrauch v. a. in der West-Ost-Auseinandersetzung nach 1945 und durch sich verzweigende Totalitarismustheorien hat er zudem an Griffigkeit verloren. Die Bündelung inhaltlich so unterschiedlicher Systeme wie Bolschewismus und Nationalsozialismus unter diesem Dachbegriff hat unzulässigen Gleichsetzungen (rot = braun) Vorschub geleistet und die Totalitarismusdiskussion entsachlicht. Als kleinster gemeinsamer Nenner der Begriffsbestimmung gelten heute die Merkmale: umfassende Weltanschauung und ihre (terroristische) Durchsetzung mit Mitteln des Polizeistaats, gelenkte Wirtschaft, Einparteienherrschaft, Zensur, Waffenmonopol, Revolution von oben.