Tschechoslowakei

    Aus Lexikon Drittes Reich

    östlicher Nachbarstaat des Deutschen Reichs mit 140 485 km² und rund 14,7 Millionen Einwohnern (1930). Die Tschechoslowakische Republik (CSR) wurde als Nachfolgestaat Österreich-Ungarns am 28. 10. 18 gegründet aus den "historischen Ländern" Böhmen, Mähren und Schlesien sowie der Slowakei und der Karpato-Ukraine. Erhebliche Nationalitätenprobleme (nur 50 % Tschechen, aber 22,4 % Deutsche und 15,6 % Slowaken), starke nationale und kulturgeschichtliche Unterschiede und ein deutliches sozioökonomisches Gefälle zwischen industrialisiertem Westen und bäuerlichem Osten hatte die Tschechoslowakei zu bewältigen. In ständigem Widerstreit zwischen dem staatsrechtlich, geostrategisch und wirtschaftlich begründeten tschechischen Programm eines zentralisierten Einheitsstaats und den Autonomieforderungen der Slowaken und der nationalen Minderheiten verfehlten die Tschechen als Staatsvolk das ursprünglich versprochene Modell einer "mitteleuropäischen Schweiz" und brachen damit v. a. die 1918 den Slowaken gemachten Versprechungen: 29. 2. 20 Verabschiedung einer zentralistischen Verfassung durch eine ernannte provisorische "Revolutionäre Nationalversammlung" ohne Mitwirkung der Minderheiten, Tschechisierung der Beamtenschaft, Sprachengesetze.

    Dennoch besaß die Tschechoslowakei unter Masaryk (Staatspräsident 1918-35) und Beneš durch gesunde Wirtschaftsentwicklung, innere Festigkeit und Koalitionsfähigkeit ihrer Parteien, Loyalität ihrer Minderheiten und Bereitschaft der "aktivistischen" deutschen Parteien zur Übernahme von Regierungsverantwortung seit 1926 im Vergleich zu anderen Staaten Ostmitteleuropas große parlamentarisch-demokratische Stabilität. Außenpolitisch stützte sie sich gegen die Gebietsansprüche Ungarns (Südteil der Slowakei, Karpato-Ukraine) und Polens (Teschen) und gegen monarchistischen Restaurationsbestrebungen in Österreich auf die Kleine Entente und Bündnisse mit Frankreich (25. 1. 24) und der Sowjetunion (16. 5. 25). Die Beziehungen zur Weimarer Republik waren korrekt infolge des relativ geringen Interesses Berlins an der Sudetenfrage. Erst die Weltwirtschaftskrise mit ihren verheerenden Auswirkungen v. a. auf die exportabhängige Klein- und Mittelindustrie im Sudetenland und besonders die offenkundigen Ermunterungen für die deutschen und ungarischen Minderheiten durch die nationalsozialistische Propaganda nach 1933 (u. a. Sudetendeutsche Partei) führten zu wachsenden innerstaatlichen Spannungen. Als Mittel zur "Zerschlagung" der Tschechoslowakei von Berlin aus seit Mai 38 ständig geschürt und von Prag nicht durch rechtzeitige Zugeständnisse aufgefangen, eskalierten sie in der Sudetenkrise und fanden eine vorläufige Lösung im Münchener Abkommen.

    Obwohl sich die so genannte 2. Republik der nunmehrigen Tschechoslowakei (Oktober 38/14. 3. 39) nach erheblichen Gebiets- (rund 42 000 km²) und Bevölkerungsverlusten (rund fünf Millionen) und Autonomie für die Slowakei und die Karpato-Ukraine vollständig dem Willen Berlins unterwarf (Vorgehen gegen die Juden, Umbildung der Parteien, Sonderrecht für deutsche Emigranten), musste Staatspräsident Hácha am 14. 3. 39 den Erpressungen Hitlers weichen: Unter dem Vorwand der Selbstauflösung des Staats (14. 3. 39 in Berlin diktierte Unabhängigkeitserklärungen der Slowakei und der Karpato-Ukraine) besetzte die Wehrmacht am 15. 3. die "Resttschechei"; am 16. 3. unterzeichnete Hitler auf der Prager Burg den "Erlaß über das Protektorat Böhmen und Mähren".

    Völkerrechtlich existierte die Tschechoslowakei in der von Großbritannien, den USA, der UdSSR und de Gaulle anerkannten Exilregierung in London unter Beneš weiter. Sie betrieb mit Erfolg und in enger Zusammenarbeit mit Moskau (12. 12. 43 Freundschafts- und Beistandsvertrag) die Ungültigkeitserklärung des Münchener Abkommens, die Vorbereitung der Vertreibung der Sudetendeutschen 1945/46 (2,3 Millionen) und die Pläne für eine politisch-gesellschaftlichen Neuordnung nach dem Krieg. Nach einem Aufstand in Prag kurz vor dem deutschen Zusammenbruch (5.-7. 5. 45) kehrte Beneš in die wiedererstehende Tschechoslowakei zurück. Die folgende kommunistische Machtergreifung und damit das Ende des tschechoslowakischen "Mittelwegs" vermochte er nicht abzuwenden.