Völkische Bewegung

    Aus Lexikon Drittes Reich

    Sammelbezeichnung für völkisch-antisemitische und alldeutsch-nationalistische Parteien und Organisationen mit oft wechselnden Gruppierungen und einem meist exklusiv-doktrinären Sektencharakter.

    Die geistigen Wurzeln der Völkischen Bewegungen und die ihrer österreichischen Ableger lagen im 19. Jahrhundert (u. a. "Turnvater" Jahn), ihre organisatorischen Anfänge in der am 22. 3. 14 vollzogenen Fusion der Deutschsozialen Partei mit der Deutschen Reformpartei zur Deutschvölkischen Partei als Wortführerin eines aggressiven Annexionismus und rassistischen Antisemitismus im Ersten Weltkrieg. Ihr Erbe traten in der Weimarer Republik u. a. an: Artamanen, Thulegesellschaft, Deutschvölkischer Schutz- und Trutzbund und Deutschvölkische Freiheitspartei.

    Entstanden als Abspaltung der DNVP in den überwiegend großagrarischen Gebieten Nord- und Ostdeutschlands, vereinigte sich die 1923/24 verbotene Deutschvölkische Freiheitspartei 1924 zeitweilig mit dem süddeutschen Völkischen Block zur Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung und übernahm nach dem Hitlerputsch vorübergehend die Führung der Völkischen Bewegung. Bei den Reichstagswahlen am 4. 5. 24 erreichte diese völkische Koalition ihren Höhepunkt mit 32 Sitzen (darunter zehn Nationalsozialisten) und 6,5 % der Stimmen, bei den nächsten Wahlen am 7. 12. 24 fiel sie auf 14 Mandate (darunter vier Nationalsozialisten). Nach dem Zerfall der Koalition und der Auflösung des Völkischen Blocks nahm die Partei 1925 den Namen Deutschvölkische Freiheitsbewegung an und blieb fortan wesentlich auf Norddeutschland beschränkt.

    Die Völkische Bewegung war 1918-24 die politisch-ideologische Wegbereiterin, personelle Plattform und nicht selten auch die finanzielle und gesellschaftliche Geburtshelferin (Thulegesellschaft) der NSDAP und ihrer Vorgängerin, der Deutschen Arbeiterpartei (DAP), und diente ihr während ihres Verbots 1923-25 teilweise als Tarn- und Ersatzorganisation. Programmatisch zusammengehalten wurde die Völkische Bewegung trotz ihrer inneren Heterogenität und ihres Mangels an organisatorischer Konsistenz durch ihr deutsch-völkisches Sendungs- und Höherwertigkeitsbewusstsein und ihre Ablehnung der "westlichen Überfremdung", durch ihre Vorstellungen von "völkischer Artreinheit" als Grundlage nationaler Größe, ihren fanatischen Judenhass und Antibolschewismus, durch ihre gemeinsame Gegnerschaft gegen Demokratie, "Novemberverbrecher" und "Versailler Diktat". Hitler bezeichnete die Völkische Bewegung verächtlich als "Völkischen Schlafwandler" und "Wanderprediger", als theoretischen "Duckmäuser" und einen Verein "höchst ehrenwerter, aber phantastisch-naiver Gelehrter, Professoren, Land-, Studien- und Justizräte" und benutzte sie nur als Sprungbrett zur Macht und als Werkzeug, um in den bürgerlichen Salons besonders in München "hoffähig" zu werden und dort Geldquellen für seine "Bewegung" zu finden. Umgekehrt lebte die Völkische Bewegung zeitweise in der Illusion, Hitler als "Massentrommler" für ihre Ideen benutzen zu können. Nach der Neugründung der NSDAP am 27. 2. 25 gelang es Hitler schnell, die Erbschaft der Völkischen Bewegung zu usurpieren und ihre Vertreter entweder in die NSDAP zu integrieren oder an die Wand zu spielen, bis die Reste der Völkischen Bewegung 1933 gleichgeschaltet und verboten wurden.