Vatikan

    Aus Lexikon Drittes Reich

    nach dem Wohnsitz des Papsts in Rom geprägte Kurzbezeichnung für die oberste Behörde der römisch-katholischen Kirche (Apostolischer Stuhl, Heiliger Stuhl). Nach Auflösung des Kirchenstaats entstand der Vatikanstaat (amtlich Stato della Città del Vaticano) mit 0,44 km2 und rund 1 025 Einwohnern (1932) auf Grund der Lateranverträge vom 11. 2. 29 als souveräner, neutraler Staat und als absolute Monarchie (Grundgesetz vom 7. 6. 29) mit dem Papst als Staatsoberhaupt und den von ihm ernannten und abhängigen Regierungsorganen (Kurie). Der Heilige Stuhl ist nach außen souveränes Völkerrechtssubjekt (deutscher Botschafter beim Vatikan 1920-April 43 C. L. D. v. Bergen, Juli 43-Mai 45 Weizsäcker).

    Besonders umstritten ist die Politik des Vatikan gegenüber dem nationalsozialistischen Deutschland (1933 Konkordat) unter den Pontifikaten Pius' XI. (1922-39) und Pius' XII. (1939-58). Vordringliches Ziel des Vatikan war und ist die vertragliche Absicherung der Freiheit des Bekenntnisses und der öffentlichen Religionsausübung durch Konkordate. Besonders akut war diese Schutzaufgabe unter der totalitären Herausforderung des Nationalsozialismus und den Drohungen des Kirchenkampfs in Deutschland. Wiederholte Bekenntnisse Hitlers zu den beiden christlichen Konfessionen als "wichtigste Faktoren der Erhaltung unseres Volkstums" (23. 3. 33), seine eindeutige Absage an "marxistische Irrlehre", Materialismus, Atheismus und Liberalismus sowie seine antibolschewistische Kreuzzugsideologie" ließen den Vatikan trotz ständiger Verschärfung des Kirchenkampfs bis in den Krieg hinein immer wieder auf einen möglichen Ausgleich mit dem nationalsozialistischen Regime hoffen. Diese Kompromisshaltung des Vatikan und sein Verzicht auf eine öffentliche und weltweite Anprangerung der Judenverfolgung und des "Holocaust" v. a. unter Pius XII. waren nach 1945 Gegenstand heftiger Anklagen wegen unterlassener Hilfeleistung für die Opfer der nationalsozialistischen Willkür (z. B. Hochhuth: "Der Stellvertreter. Ein christliches Trauerspiel", 1963). Dagegen wurde von kirchlicher Seite die scharfe Kritik des Vatikan an der nationalsozialistischen Kirchenpolitik und den sich häufenden Verletzungen des Konkordats angeführt, die in der auf Faulhaber zurückgehenden deutschsprachigen Enzyklika "Mit brennender Sorge" vom 14. 3. 37 und ihrer öffentlichen Verlesung von allen katholischen Kanzeln in Deutschland gipfelte. Außerdem wurde betont, dass während des Zweiten Weltkriegs der Vatikan zur Kontaktstelle für Fühler der deutschen Opposition ins westliche Ausland wurde und dann nach dem Abfall Italiens und der Besetzung Roms durch deutsche Truppen, die die Exterritorialität des neutralen Vatikanstaats respektierten, zahlreichen politisch und rassisch Verfolgten Zuflucht bot, bis die Alliierten Rom am 4. 6. 44 befreiten.