Vichy

    Aus Lexikon Drittes Reich

    Kurzbezeichnung für die in das Heilbad Vichy im Département Allier nordöstlich von Clermont-Ferrand nach der militärischen Niederlage Frankreichs übersiedelte Regierung Pétain und den durch sie repräsentierten autoritär-bürokratischen "État Français" als Nachfolger der 3. Republik (Frankreich).

    Pétain erhielt am 10. 7. 40 durch die zum letzten Mal in Vichy zusammentretende französische Nationalversammlung mit 569:80 Stimmen unumschränkte Vollmachten als parlamentarisch unabhängiger Staatschef zur Wahrnehmung der Exekutive und zur Ausarbeitung einer neuen (niemals in Kraft getretenen) Verfassung. Der formal souveränen, aber faktisch stark von Deutschland abhängigen Regierung von Vichy unterstanden etwa 40 % des französischen Staatsgebiets, ein Heer von 100 000 Mann und die französischen Kolonien; die Flotte wurde in ihren Friedenshäfen neutralisiert. Vichy wurde u. a. von den USA, der UdSSR und dem Vatikan diplomatisch anerkannt.

    Zunächst als rettende Verkörperung des "ewigen Frankreich" von der Mehrheit der Franzosen begrüßt, proklamierte die Vichy-Regierung, gestützt auf konservative Politiker und Notabeln, das Bürgertum, die Bauern und die katholische Kirche, eine "Nationale Revolution" zur umfassenden moralischen Erneuerung und Wiedergeburt Frankreichs auf konservativer Grundlage unter der Parole "Travail, Familie, Patrie" (Arbeit, Familie, Vaterland). Hierdurch setzte sich Vichy dezidiert gegen die revolutionär-republikanische und parlamentarische Tradition von 1789 "Liberté, Egalité, Fraternité" (Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit), gegen Parlamentarismus, Sozialismus und Volksfront der 3. Republik ab und strebte nach einer Überwindung der "décadence" durch eine aktive Geburtenpolitik und körperliche Ertüchtigung der Jugend.

    Trotz scharfer Pressezensur, Unterdrückung der Opposition, eines Führerkults um Pétain, eines korporativen Antikapitalismus ("Charte de travail"), eines Judenstatuts und partieller Zusammenarbeit mit Gestapo und SD bei den Judenverfolgungen wird man Vichy nicht als faschistisch, sondern eher als konservativ-autoritär bezeichnen können. Nach außen vertraten Laval (bis 13. 12. 40 stellvertretender Ministerpräsident, ab 18. 4. 42 Ministerpräsident) und Darlan (1941-April 42 stellvertretender Ministerpräsident und designierter Nachfolger Pétains) einen eindeutig antibritischen und prodeutschen Kurs der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Kollaboration, um Frankreich den 2. Platz in einem nationalsozialistischen Europa zu sichern. Pétain dagegen verfolgte eine eher neutralistische Hinhaltetaktik des "attentisme" (Montoire), um seinem Land das Schicksal Polens zu ersparen.

    Mit der Zeit wurde Vichy als Synonym einer verhassten "collaboration" von immer mehr Franzosen abgelehnt. Die Besetzung der unbesetzten Südzone durch deutsche Truppen am 11. 11. 42 in Antwort auf die alliierte Landung in Nordafrika engte den Bewegungsspielraum der Vichy-Regierung entscheidend ein. Nach der Einsetzung der provisorischen französischen Regierung in Paris unter General de Gaulle (25. 8. 44), der Befreiung Frankreichs durch die Alliierten und der zwangsweisen Verbringung von Pétain und seinen Mitarbeitern über Belfort (26. 8. 44) nach Sigmaringen in Württemberg-Hohenzollern (7. 9. 44) stellte die Vichy-Regierung ihre mehr als vierjährige und bis heute umstrittene Tätigkeit ein.