Waffen-SS

    Aus Lexikon Drittes Reich

    ab November 39 gebräuchliche Sammelbezeichnung für die bewaffneten Verbände der SS und Polizei. Die Waffen-SS umfasste mithin die bisherige Verfügungstruppe, die Totenkopfverbände und die Junkerschulen, ferner die aus Kräften der Ordnungspolizei neu aufgestellte Polizeidivision sowie die Angehörigen der zuständigen Zentraldienststellen (v. a. Ergänzungs-, Waffen- und Personalamt der Waffen-SS). Schon bald wurden teils aus haushaltsrechtlichen Gründen, teils um bestimmte Personenkreise vor einer Einziehung zur Wehrmacht zu schützen, weitere SS-Einrichtungen – insbesondere diverse Ausbildungsstätten sowie sämtliche KZ – zu Teilen der Waffen-SS erklärt. Auch die KZ-Inspektion wurde im August 40 vorübergehend, d. h. bis zu ihrer Eingliederung in das Wirtschafts-Verwaltungshauptamt im März 42, in das neu geschaffene, als militärische Kommandozentrale der Waffen-SS konzipierte "SS-Führungshauptamt" integriert, ohne freilich ihre Eigenständigkeit einzubüßen. Auch in Bezug auf die Kampfverbände der Waffen-SS war die Zuständigkeit des Führungshauptamts stark eingeschränkt, da diese größtenteils in das Feldheer eingegliedert und den jeweiligen Kommandobehörden des Heers taktisch unterstellt waren. Hinzu kam, dass diese Verbände als Teile der Gesamt-SS in personeller, ausbildungsmäßiger, disziplinarer und strafrechtlicher Hinsicht den Weisungen auch anderer SS-Dienststellen unterworfen waren.

    War der Aufbau einer SS-eigenen Armee vor dem Krieg am Widerstand besonders der Heeresleitung gescheitert, so ermöglichte deren Einflussverlust in Verbindung mit den Zwängen des Kriegs eine grundlegend neue Entwicklung. Die bewaffnete SS, die vor Kriegsbeginn nicht einmal im Divisionsverband bestanden hatte, verfügte gegen Kriegsende bei einer Gesamt-Iststärke von mehr als 600 000 Mann (1. 1. 39: 22 700) über (nominell) 38 Divisionen, 16 Generalkommandos und ein Armeeoberkommando (6. SS-Panzerarmee). Der Preis für diese stürmische Entwicklung war eine v. a. seit Beginn des Kriegs gegen die Sowjetunion zunehmende Aufweichung des – formell freilich nie aufgegebenen – Freiwilligkeitsprinzips bei gleichzeitiger Lockerung der Tauglichkeitsbestimmungen sowie die Heranziehung einer wachsenden Zahl volksdeutscher und ausländischer Freiwilliger aus fast allen Ländern Europas. Der Wandel der Waffen-SS von einer kleinen Prätorianergarde zu einer schließlich nur noch in der Minderheit aus rein deutschen Soldaten bestehenden multinationalen Massenarmee führte, zumal unter den Bedingungen des Kriegs, sowohl zu einer allmählichen Erosion der weltanschaulichen Geschlossenheit der Waffen-SS als auch zu einer weitgehenden Einbuße ihrer militärischen Elitequalität. Die Konsequenz aus dieser Entwicklung war eine von der SS-Führung 1944 vorgenommene Dreiteilung der Waffen-SS. Deren Kern bildeten danach die nur aus "ordenfähigen" SS-Männern bestehenden "SS-Divisionen". Daneben gab es die mit nicht SS-tauglichen Deutschen und "Germanen" (d. h. West- und Nordeuropäern) aufgefüllten "Freiwilligendivisionen" sowie schließlich die aus nicht"germanischen", zumeist osteuropäischen Freiwilligen, aufgestellten "Waffendivisionen" der SS.

    Die militärische Qualität aller dieser Verbände war entsprechend ihrer personellen Zusammensetzung und materiellen Ausstattung, ihrem Ausbildungsstand und der Qualität ihres insgesamt sehr heterogenen Führerkorps höchst unterschiedlich. Der Ruf der an allen Fronten (mit Ausnahme Nordafrikas) eingesetzten Waffen-SS als einer militärischen Elite beruht auf den herausragenden Leistungen relativ weniger personell und materiell bestausgestatteter Verbände, die zumeist – wie die Divisionen "Leibstandarte", "Das Reich", "Totenkopf" oder "Wiking" – aus den Stämmen der Vorkriegs-SS hervorgegangen waren. Die Kehrseite der für diese Verbände charakteristischen Selbstaufopferungsbereitschaft war eine gegen Feind und Zivilbevölkerung oftmals rücksichtslose Kriegführung, die durch eine Fülle von Kriegsverbrechen belegt ist (u. a. Le Paradis, Klisura, Oradour, Malmédy). Deswegen und aufgrund der organisatorischen und personellen Verknüpfungen mit anderen Teilen der SS einschließlich des Vernichtungsapparats (Einsatzgruppen, Konzentrationslager u. a.) wurde die Waffen-SS im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher zur Verbrecherischen Organisation erklärt. In der Tat war die Waffen-SS, obwohl dienst- und haushaltsrechtlich ein staatliches, formell dem Geschäftsbereich des Reichsinnenministeriums zugeordnetes Organ, stets Teil der Gesamt-SS und als solcher der militärische Exponent einer auf die Person Hitlers fixierten Führerexekutive. Unbeschadet ihrer Frontverwendung im Rahmen des Kriegsheers und der oft engen Kooperation zwischen Heeres- und SS-Verbänden war die Waffen-SS mithin weder rechtlich noch ihrer historischen Genese nach ein "vierter Wehrmachtteil".