Warschauer Aufstand

    Aus Lexikon Drittes Reich

    Aufstand der im Untergrund operierenden nationalpolnischen "Armee im Lande" ("Armia Krajówa" = AK) unter Oberbefehlshaber Graf T. Komorowski (Deckname "Bor" = Wald) gegen die deutsche Besatzungsmacht vom 1. 8.-2. 10. 44. Die Erhebung (Deckname "Burza" = Gewitter) war zwar allgemein mit der Londoner Exilregierung abgesprochen, wurde jedoch von der Untergrundführung selbständig ausgelöst. Der Einsatz von zunächst 14 000 und am Ende 36 000 völlig unzureichend bewaffneten Männern und Frauen hatte das Ziel, Warschau von den zurückweichenden deutschen Truppen vor dem Eintreffen der Roten Armee, die am 22. 6. 44 am Mittelabschnitt der Ostfront durchgebrochen war, zu befreien. Man wollte zudem eine eigene Regierungsbehörde der Londoner Exilregierung etablieren, ehe sich Stalins polnische Satelliten, das so genannte Lubliner Komitee und die "Berling-Armee", in der Hauptstadt festsetzen könnten. Beide Ziele scheiterten am Eingreifen der deutschen 9. Armee unter dem General der Waffen-SS Bach-Zelewski sowie von SS- und Polizeieinheiten und der deutschen Luftwaffe. Nach anfänglichen Erfolgen gelang es nicht, den Warschauer Flugplatz und die Weichselbrücken zu besetzen; schon am 4. 8. waren die polnischen Verbände in den einzelnen Stadtteilen zersplittert. Während die Rote Armee zwar am 14. 9. die Vorstadt Praga rechts der Weichsel besetzte und ein Bataillon der "Berling-Armee" südlich der Stadt über die Weichsel setzen ließ, im Übrigen aber Gewehr bei Fuß am Strom verharrte, musste die Untergrundarmee kapitulieren. Auf Intervention der Wehrmacht, des Auswärtigen Amtes und des Generalgouverneurs H. Frank, der damit verspätet gegen die SS einen "neuen Besatzungskurs" einleiten wollte, wurde den Gefangenen der Kombattantenstatus zuerkannt. Die Verluste beim Warschauer Aufstand betrugen auf deutscher Seite 2 000 Gefallene und 9 000 Verwundete, auf polnischer Seite 16 000 Gefallene und 6 000 Verwundete; etwa 166 000 polnische Zivilisten sollen getötet und 60 000-80 000 in deutsche KZ und Rüstungsbetriebe verschleppt worden sein. Warschau wurde auf Befehl Hitlers evakuiert und unter Zerstörung unersetzlicher Kunstschätze, soweit es die knappe Zeit bis zum sowjetischen Einmarsch noch zuließ, dem Erdboden gleichgemacht.

    Tiefgreifende Meinungsverschiedenheiten bestehen bis heute zwischen westlichen und östlichen Historikern über die Gründe für Stalins passives Verhalten: Die sowjetische Seite begründet ihr Vorgehen mit unzureichenden Absprachen seitens der polnischen Untergrundarmee, der ungünstigen Dislozierung ihrer Truppen und ihren operativen Planungen; im übrigen kann sie für sich geltend machen, dass die Deutschen durch einen Gegenstoß den sowjetischen Vormarsch am 3. 8. südöstlich Warschau vorübergehend zum Halten gebracht hatten. Demgegenüber erhärten die Tatsache, dass Stalin nach Aufdeckung der Massaker von Katyn am 13. 4. 43 die Beziehungen zur Londoner Exilregierung abgebrochen hatte und seit Sommer 44 im Blick auf die politische Zukunft Polens nur noch auf das Lubliner Komitee setzte, sowie seine strikte Weigerung, den Westalliierten Landerechte auf sowjetischen Flugplätzen für Versorgungs- und Entlastungsflüge für den Warschauer Aufstand einzuräumen, die westliche Vermutung, dass ihm ein Verbluten der nationalpolnisch-antikommunistischen Kräfte im Interesse einer Sowjetisierung Ostmitteleuropas nicht unwillkommen gewesen sei.