Wehrpflicht

    Aus Lexikon Drittes Reich

    unter Verletzung der Abrüstungsbestimmungen des Versailler Vertrags (Artikel 173) am 16. 3. 35 wieder eingeführte allgemeine militärische Dienstpflicht im Deutschen Reich (Gesetz "für den Aufbau der Wehrmacht"; ausgefüllt durch das Reichsverteidigungsgesetz vom 21. 5. 35). Als vorläufige Friedenspräsenz der Wehrmacht waren 36 Divisionen und 550 000 Mann vorgesehen. Der Einführung der Wehrpflicht ging am 9. 3. eine offizielle Erklärung über den Wiederaufbau der Luftwaffe voraus; das Gesetz bedeutete nur die amtliche Feststellung einer seit Jahren geheim laufenden Wiederaufrüstung. Hitler nahm als Vorwand das britische Verteidigungs-"Weißbuch" vom 4. 3. 35, in dem die britische Rüstung mit der geheimen deutschen Remilitarisierung begründet wurde, und die Einführung der zweijährigen Dienstzeit in Frankreich am 6. 3. 35 zusammen mit der Verlängerung des französisch-belgischen Militärabkommens von 1921 am 7. 3. 35. In Wirklichkeit war die Wehrpflicht ein wichtiger vorbereitender Schritt im Übergang von der Revisions- zur Expansionspolitik und zugleich nach innen ein Mittel, um für das Regime durch dramatische außenpolitische Aktionen die Zustimmung des Volks zu sichern. Die englische Regierung protestierte am 18. 3. 35, um in derselben Note in Berlin gleich anzufragen, ob der am 7. 3. 35 wegen einer "Erkältung" Hitlers verschobene Staatsbesuch des Außenministers Simon und des Lordsiegelbewahrers Eden noch genehm sei. Am 18. 6. 35 sanktionierten die Briten im Zuge ihrer Appeasement-Politik durch das Deutsch-Britische Flottenabkommen die deutsche Wiederaufrüstung. Auch Frankreich, Italien, der von Paris angerufene Völkerbundsrat und die "Antirevisionsfront" von Stresa beließen es bei papierenen Protesten. Die Westmächte ließen sich durch die "Friedensrede" Hitlers vom 21. 5. 35 mit dem Angebot zweiseitiger Nichtangriffspakte und die von ihm bewusst genährte Illusion täuschen, die Wehrpflicht "legalisiere" einen im Grunde längst bekannten und allgemein mit großer Sorge verfolgten geheimen Vorgang und schaffe damit erst die Voraussetzung, um nunmehr von der deutschen Gleichberechtigung und der von Berlin angestrebten Rüstungsparität aus zu einer allgemeinen Abrüstung oder Rüstungsbegrenzung durch Verträge zu kommen.