Widerstand

    Aus Lexikon Drittes Reich

    Widerstand gegen den Nationalsozialismus umfasste ein weites Spektrum von Anlässen, Formen und Zielen. Widerstand konnte aus bewusstem Entschluss, aber auch wider Willen entstehen, wenn einzelne oder Gruppen sich der verordneten "Volksgemeinschaft" entzogen. Da das nationalsozialistische Regime Opposition gegen Teilbereiche der Herrschaft ebenso wenig dulden wollte wie den Rückzug in partei- oder staatsfreie Lebensbereiche, wandelten sich mit der Verfestigung und Radikalisierung der nationalsozialistischen Herrschaft die Anlässe für Konflikte, die das Regime als Widerstand wertete. Widerstand in dieser von den Nationalsozialisten erzwungenen weiten Definition, die auch Menschen erfasste, die ihr Handeln selbst nicht als Widerstand begriffen, reichte von bloßen Unmutsäußerungen, die gleichwohl hart bestraft wurden, über gesellschaftliche Verweigerung und Kritik an Teilbereichen nationalsozialistischer Politik bis zum politischen Kampf, der auf den Sturz des Regimes zielte. Welche Form der Resistenz zwischen Nonkonformismus und aktivem Widerstand dem Einzelnen möglich war, hing nicht nur vom individuellen Entschluss ab. Es war von zentraler Bedeutung für die Möglichkeit zur Resistenz und für die Form, die diese annahm, ob man einer Gruppierung angehörte, die sich als Institution behaupten konnte. Wer als Offizier oder Beamter beruflich zum Herrschaftsapparat gehörte, konnte andere Oppositionsformen entwickeln als derjenige, der den Machtzentren fern stand. Katholiken oder Protestanten konnten sich in ihre kirchlichen Organisationen zurückziehen und dort etwa durch Teilnahme an Prozessionen oder durch besonders regen Kirchenbesuch eine Form der Verweigerung üben, die von den Machthabern auch dann als Opposition gewertet wurde, wenn sie sich nicht gegen das Regime insgesamt, sondern gegen dessen antikirchliche Politik richtete. Kommunisten, Sozialisten und Gewerkschaftler praktizierten zwangsläufig andere Widerstandsformen, da ihre Organisationen zerschlagen wurden und sie deshalb in der Illegalität wirken mussten.

    Wer nicht in institutionellen Schutzräumen wie Militär und Kirchen lebte oder sich nicht wenigstens in der informellen Gesinnungsgemeinschaft behaupten konnte, war in besonderem Maße dem Zugriff des Regimes ausgesetzt. Das gilt für die Juden, die Ernsten Bibelforscher und für die nationalsozialistischen Feindgruppe der so genannten Asozialen, deren Kreis vom Regime immer weiter gezogen und dem terroristischen Zugriff der Staatsmacht ausgesetzt wurde: Sinti und Roma ("Zigeuner"), Homosexuelle oder so genannte Arbeitsscheue. Diese Gruppen standen auch den Gegnern des Nationalsozialismus so fern, dass sie nur in Ausnahmefällen auf Solidarität rechnen konnten. Die Regel hieß hier nicht Hilfe, sondern Gleichgültigkeit, so dass staatlicher Terror im Unterschied zur Euthanasie keinen Widerstand hervorrief.

    Wie die Geschichte der Machtetablierung des Nationalsozialismus nicht zuletzt die Geschichte seiner Unterschätzung war, so bestimmte diese Fehleinschätzung zunächst auch die Haltung fast aller Gruppen, aus denen während der nationalsozialistischen Herrschaft Widerstand hervorging. Die Rücknahme oder zumindest Teilkorrektur der ursprünglichen Fehleinschätzung hat viel mit der Entstehung und dem Wandel von Widerstand und Widerstandsformen in der deutschen Gesellschaft nach 1933 zu tun.

    Die KPD-Führung, die die nationalsozialistische Herrschaft zunächst völlig irreal als Etappe auf dem Weg zur proletarischen Revolution einschätzte, setzte anfangs in der Illegalität die alte Politik der massenhaften Agitation in der Öffentlichkeit fort. Das führte dazu, dass die Kommunisten zwar den frühesten und umfangreichsten Widerstand leisteten, aber enorme Verluste erlitten. Von den ca. 300 000 Mitgliedern des Jahres 1932 sollen bis 1945 ca. 150 000 verhaftet worden sein. Erst 1935 begann ein realistischerer Kurs. Man ging nun von der Konsolidierung des Regimes aus. Neue Organisationsstrukturen für die deutschen Widerstandsgruppen und die KPD-Exilleitung sollten den kommunistischen Widerstand besser an die Bedingungen der nationalsozialistischen Herrschaft anpassen. Diese Form der Distanz zu allen Leitbildern verringerte die Risiken, aber auch die Möglichkeiten zum agitatorischen Widerstand. Der Überfall Hitler-Deutschlands auf die UdSSR stimulierte erneut den kommunistischen Widerstand. Es entstanden mehrere große Widerstandszirkel, die unabhängig von der Exilpartei arbeiteten. Viele ihrer Mitglieder bezahlten ihren Widerstand mit dem Leben. Umstritten war lange die Einschätzung der Schulze-Boysen/Harnack-Gruppe (Rote Kapelle), die Widerstand mit Spionage für die Sowjetunion verband. In der neueren Literatur wird aber anerkannt, dass "Landesverrat" auch eine Form des Widerstands gegen ein totalitäres Regime sein kann. Das galt für den kommunistischen Widerstand ebenso wie für den militärischen (Oster).

    Auch Sozialdemokraten und die Gewerkschaftler schätzten das nationalsozialistische Regime zunächst falsch ein. Sie rechneten allenfalls mit Verhältnissen wie unter dem Sozialistengesetz (1878-90). Dies und ihre Verfassungstreue erschwerten es ihnen, sich auf Widerstand in der Illegalität umzustellen. Der Weg in die Illegalität war zudem von Kontroversen begleitet, die dazu beitrugen, dass weder im Exil noch im Reich ein einheitlicher Widerstand von Sozialdemokraten und Gewerkschaftlern entstand. Die SPD-Exilführung konzentrierte sich auf Information und Aufklärung, indem Berichte aus Deutschland geschmuggelt und für die Aufklärungsarbeit im Ausland verwertet wurden. Die Informationen flossen über Broschüren, Flugblätter und Zeitschriften ("Sozialistische Aktion") auch ins Reich zurück. Neben der aus dem Exil unterstützten anti-nationalsozialistischen Propaganda stand bei den sozialdemokratischen Widerstandsgruppen, die sich bisher in ca. 40 deutschen Städten nachweisen lassen, das Bemühen im Vordergrund, sich auf den Zusammenbruch des Regimes vorzubereiten.


    Die Gewerkschaftsführer, deren Handlungsfähigkeit 1933 durch die hohe Arbeitslosigkeit stark eingeschränkt war, hatten zunächst gehofft, ihre Organisationen auch im nationalsozialistischen Staat erhalten zu können. Diese Illusion zerstob, als die Nationalsozialisten am 2. 5. 33 die Gewerkschaftshäuser stürmten und viele Gewerkschaftler verhafteten. Der nun einsetzende gewerkschaftliche Widerstand äußerte sich in mehreren Bereichen. In den Betrieben verweigerten in den Betriebs- bzw. Vertrauensmännerwahlen von 1933, 1934 und 1935 die Arbeiter mehrheitlich dem Regime die Zustimmung. Weitere Wahlen fanden deshalb nicht mehr statt. Andere Formen der Verweigerung am Arbeitsplatz waren schwer zu verwirklichen. Streiks gab es unter den Bedingungen der nationalsozialistischen Diktatur nur in geringer Zahl. Es kam aber zu verdeckten Formen des Arbeitskampfs von Bummelei bis zu Sabotage oder verbotener Hilfe für Fremd- und Zwangsarbeiter. Ehemalige Gewerkschaftsfunktionäre organisierten Widerstandszirkel auf der Ebene der zerschlagenen Einzelverbände wie auch über deren Grenzen hinweg. Es entstand eine illegale Reichsleitung, die frühere Ansätze zur Überwindung der drei Richtungsgewerkschaften (sozialdemokratische, christliche und Hirsch-Dunckersche) durch eine Einheitsgewerkschaft fortführte. In realistischer Einschätzung, dass sie allein das Regime nicht gefährden konnten, nahmen schließlich Gewerkschaftler wie Leuschner oder J. Kaiser und Sozialdemokraten Kontakte zu oppositionellen Machteliten auf und beteiligten sich an Vorbereitungen des Zwanzigsten Juli 44. Das Misslingen des Tyrannensturzes büßten viele von ihnen mit ihrem Leben.


    Neben den großen Arbeiterorganisationen leisteten kleinere Verbände von Anfang an Widerstand. Dazu zählten die "Sozialistische Arbeiterpartei Deutschlands" (SAP), der "Internationale Sozialistische Kampfbund" (ISK), die Gruppen "Neu-beginnen" und "Volksfront" und die "Kommunistische Partei Deutschlands/Opposition" (KPO). All diese Gruppen standen vor dem Dilemma, die Nationalsozialisten mangels anderer Handlungsmöglichkeiten nur propagandistisch bekämpfen zu können, was hohe Verluste kostete, oder sich in kleine, von der Außenwelt abgeschirmte Zirkel zurückzuziehen, was den Widerstand auf Selbstbehauptung und Vorbereitung für die Neugestaltung Deutschlands nach dem Ende der Diktatur beschränkte.


    Auch die evangelische und die katholische Kirche waren 1933 in der Illusion befangen, ihre Position in Staat und Gesellschaft wahren oder gar noch verbessern zu können. Parallel zur staatlichen Gleichschaltung setzte 1933 die Gleichschaltung der evangelischen Landeskirchen ein. Gegen die zum Teil aufgezwungene, zum Teil freiwillig vollzogene Nazifizierung der evangelischen Kirche, zu der auch die Übernahme des so genannten Arierparagraphen gehörte, erhob sich eine innerkirchliche Opposition, die sich als Bekennende Kirche zusammenschloss. Sie wollte keinen politischen Widerstand leisten, aber sie beanspruchte ein Wächteramt, das der totalitären Durchdringung der Gesellschaft Grenzen zog und zu ständigen Konflikten mit dem Staat führte (Kirchenkampf). So protestierte z.B. der entschiedene Flügel 1936 in einer Denkschrift gegen zentrale Teile der nationalsozialistischen Ideologie (Rassenlehre, Antisemitismus), gegen Führerkult und Manipulation der Reichstagswahl 1936, gegen Unrechtsakte der Gestapo und Beibehaltung der KZ. Diese kirchliche Fundamentalopposition, die in den politischen Bereich übergriff, wurde aber nur von einer Minderheit der Bekennenden Kirche geteilt. Kirchlicher Widerstand bedeutete im Protestantismus v. a. Kampf gegen die Verdrängung des Christentums aus dem öffentlichen Leben und religiös begründeten Protest gegen Missachtung der Menschenrechte. Diese Versuche evangelischer Kirchenkreise, die nationalsozialistische Herrschaft zu begrenzen, lösten aber nicht die (im Krieg noch weiter gefestigte) Loyalität gegen die nationalsozialistische Obrigkeit. Gleichwohl wurden sie von den Machthabern als Widerstand gewertet und entsprechend verfolgt. Zum bewussten politischen Widerstand drangen evangelische kirchliche Organisationen nicht vor, wohl aber zahlreiche evangelische Christen, die als einzelne oder in Widerstandsgruppen wie dem Kreisauer oder dem Freiburger Kreis aus christlicher Überzeugung Widerstand leisteten.

    Die katholische Kirche schien durch das Reichskonkordat vom 20. 7. 33 als Institution gesichert zu sein, nachdem zuvor die Zentrumspartei preisgegeben worden war und die Fuldaer Bischofskonferenz die ablehnende Haltung zum Nationalsozialismus revidiert hatte. Der noch 1933 einsetzende Kirchenkampf provozierte dann jedoch einen kirchlichen Widerstand, dem es um Behauptung der institutionellen Autonomie und darüber hinaus um die Verteidigung der kirchlichen Werte ging. Die Enzyklika "Mit brennender Sorge" von 1937 markiert einen ersten Höhepunkt dieser Selbstbehauptungspolitik, die die katholische Kirche geschlossener und wirksamer als die evangelische führte. Auch sie verband den Kampf um Selbstbehauptung jedoch mit fortdauernder Loyalität gegen das Regime. Im Kreis der Kirchenführer rivalisierten unbemerkt von der Öffentlichkeit zwei Richtungen: Kardinal Bertram war Exponent des Verhandlungskurses, der sich durchsetzte. Kardinal Preysing forderte eine Politik des öffentlichen Protests. Die Entfesselung des Kriegs durch Hitler veränderte die Haltung der katholischen Kirchenführung nicht, wohl aber die Radikalisierung des nationalsozialistischen Terrors im Krieg. Bischöfliche Hirtenworte protestierten öffentlich gegen die Missachtung elementarer Menschenrechte, zum Teil mit Erfolg. So trugen Kardinal Galens berühmte Predigten von 1941 dazu bei, die Ermordung von Geisteskranken (Euthanasie) zu stoppen.


    Beide Kirchen haben ihren Kampf um Selbstbehauptung und Verteidigung christlicher Werte nicht als politischen Widerstand verstanden und sie stießen nie bis zur prinzipiellen Aufkündigung des Gehorsams gegen die verbrecherische Obrigkeit vor. Doch sie zogen mit ihrer partiellen Opposition der ideologischen Gleichschaltung Grenzen, die die Nationalsozialisten nicht durchbrechen konnten. Das mag es Einzelnen wie Bonhoeffer, Delp und Mitgliedern der katholischen Arbeiterbewegung erleichtert haben, sich politischen Widerstandskreisen anzuschließen.

    Der Widerstand, der aus den traditionellen Machteliten Militär und hohe Bürokratie erwuchs, setzte eine grundlegende Distanzierung von den ursprünglichen Erwartungen voraus, hatten sie doch gehofft, im Bund mit den Nationalsozialisten ihre traditionellen innen-, außen- und militärpolitischen Ziele zu verwirklichen. Nachdem die Fritsch-Krise bereits eine noch begrenzte Militäropposition entstehen ließ, formierte sich in der Sudetenkrise 1938 erstmals eine Antikriegsgruppe, der im Militär u. a. Generalstabschef Beck, dessen Nachfolger Halder und Abwehrchef Canaris, in der Diplomatie Staatssekretär Weizsäcker angehörten. Mit der Konferenz von München fielen die bis zum Staatsstreich reichenden Planungen dieser Gruppe jedoch zusammen. Im Krieg erweiterten sich die national-konservativen Widerstandskreise, indem nun verstärkt zivile Oppositionelle hinzustießen. Die raschen Siege der deutschen Truppen schwächten jedoch die Handlungschancen der Opposition. Dazu trug das Prestige, das dem Hitler-Regime aus den Blitzsiegen erwuchs, ebenso bei wie die Steigerung der deutschen Großmachtstellung, die auch viele Oppositionelle begrüßten.


    Seit Anfang 1942 wuchs die Entschlossenheit der Militäropposition zum Widerstand. Sie erweiterte sich erneut politisch, aber auch sozial, indem sie Kontakt v. a. zum Kreisauer Kreis fand, der preußische Adelige, katholische und evangelische Geistliche, Beamte, Sozialdemokraten und Gewerkschaftler umfasste. Unter den Kreisauern wurden Konzepte entworfen, die eine Erneuerung Deutschlands anstrebten und sich von überlieferten Leitbildern der Machteliten mehr und mehr lösten. Die Handlungsfähigkeit der Militäropposition erhöhte sich 1943, als die konspirativen Kontakte in den militärischen Führungskreisen ausgedehnt wurden und sich, vorangetrieben durch Tresckow und Stauffenberg, die ethisch begründete Überzeugung durchsetzte, dass auch ohne außenpolitische Absicherung der Tod des Diktators die Voraussetzung für einen Umsturz schaffen müsse. Nach mehreren im Vorfeld gescheiterten Attentatsplänen misslang dann am Zwanzigsten Juli 1944 Stauffenbergs Bombenattentat auf Hitler, das den Weg frei machen sollte zur Beendigung der nationalsozialistischen Terrorherrschaft mit Hilfe der Wehrmacht. Damit hatten die national-konservativen Widerstandskreise in wenigen Jahren eine Entwicklung vollzogen, die von der Zusammenarbeit mit den Nationalsozialisten über die systeminterne Teilopposition bis zum bedingungslosen Widerstand geführt hatte.


    In anderen gesellschaftlichen Bereichen entstanden andere Formen von Widerstand. So entzogen sich in vielfältiger Weise Jugendliche der "Volksgemeinschaft". Das reichte von provokativ unangepasstem Verhalten und zum Teil gewaltsamen Protesten wie bei den Edelweißpiraten über den organisierten und informellen Zusammenhalt nationalsozialistisch-feindlicher Gruppen (kirchliche Jugend, Arbeiter-, Jugendcliquen) bis zum Widerstand der Weißen Rose. Im KZ entwickelten Häftlinge Widerstandsarten, die – zum Teil organisiert – halfen, das Lager zu überstehen. In der letzten Phase der nationalsozialistischen Herrschaft kam es vereinzelt auch zu offenen Revolten.

    Wie sehr die Form des Widerstands von den besonderen Lebensverhältnissen abhing, zeigt das Beispiel der Juden. Einen kollektiven spezifisch jüdischen Widerstand konnte es nicht geben, da ein homogenes Judentum lediglich im nationalsozialistischen Feindbild existierte. Juden beteiligten sich aber im gesamten Bereich zwischen Widerstand und Verweigerung, sie waren je nach ihrer politischen Haltung in den verschiedenen Widerstandsgruppen vertreten, sie leisteten Widerstand im KZ, im Getto und in der europäischen Résistance. Zur Selbstbehauptung durch Verweigerung gehörte das Leben im Untergrund, die Emigration und auch die Selbsttötung, mit der sich in Berlin vier Prozent der Juden dem staatlichen Mord entzogen.


    Einen einheitlich deutschen Widerstand hat es also nicht gegeben, wohl aber ein weites abgestuftes Verhaltensspektrum von der Verweigerung bis zum aktiven Widerstand. Der Bestand des nationalsozialistischen Regimes wurde dadurch nicht gefährdet. Insofern war der Widerstand vergeblich. Er hat jedoch die ideologische Gleichschaltung der Bevölkerung begrenzen helfen und die Erinnerung an ihn hat nach 1945 dazu beigetragen, an politische und moralische Werte anzuknüpfen, die der Nationalsozialismus mit Hilfe vieler, die erst in einem mühsamen Prozess zum Widerstand fanden, zerstört hatte.