Wilhelm Canaris

    Aus Lexikon Drittes Reich

    deutscher Admiral

    geboren: 1. Januar 1887 in Dortmund gestorben: 9. April 1945 im KZ Flossenbürg


    1905 zur Marine; 1914 nach der Schlacht bei den Falklandinseln in Chile interniert, abenteuerliche Flucht; 1916 Geheimauftrag des Admiralstabs in Spanien, danach U-Boot-Kommandant im Mittelmeer; stellte in den ersten Nachkriegswirren Einwohnerwehren auf, sympathisierte mit den Freikorps und dem Kapp-Putsch (13. 3. 20), wurde wegen Verdachts der Fluchthilfe für die Mörder von Rosa Luxemburg und Liebknecht inhaftiert, dann aber rehabilitiert und in der Adjutantur des SPD-Reichswehrministers Noske belassen; 1924-28 Marineleitung, danach diverse Kommandos, 1932 Kapitän zur See und 1934 auf dem "Verabschiedungsposten" eines Festungskommandanten von Swinemünde.


    Canaris, den glänzende Beurteilungen ("Schneid und Umsicht") und seine eher republikfeindliche Haltung für Höheres im nationalsozialistischen Staat empfahlen, nahm am 1. 1. 35 als Konteradmiral die Berufung zum Chef der Abwehrabteilung des Kriegsministeriums (seit März 38 Amt Ausland/Abwehr des OKW Abwehr) an, weil ihn die politische Dimension der Aufgabe reizte. Er hatte Gelegenheit zu genauem Einblick in die Kriegsvorbereitungen Hitlers und den brutalen Herrschaftsstil der Nationalsozialisten, der seine anfänglichen Sympathien mit der braunen Revolution rasch abkühlen ließ. Nach der Fritsch-Krise im Frühjahr 38 suchte er daher bewusst Verbindung zum militärischen Widerstand um Beck und Halder, denen er verdeckt, auch durch den Chef seiner Zentralabteilung H. Oster, Unterstützung gewährte. Gleichzeitig mühte sich Canaris, durch ungeschminkte Berichte das Regime vom Krieg abzubringen, den er als "das Ende Deutschlands" fürchtete. Dass sein Doppelspiel - für das Reich, gegen Hitler - zunächst nicht auffiel, verdankte er seinen unstreitigen Erfolgen in der Spionageabwehr und Aufklärung. Sie schützten Canaris (1. 1. 40 Admiral) auch lange vor dem Zugriff des SD unter seinem Freund-Rivalen Heydrich und ermöglichten ihm Proteste gegen die Ausschreitungen der SS in Polen und Russland. Canaris setzte sich persönlich für Verfolgte ein, schützte Juden durch Proforma-Eingliederung in die Abwehr, hintertrieb Hitlers Versuche, Franco in den Krieg zu ziehen, und verschliss sich und seinen Kredit schließlich in diesem Nervenkrieg. Als Agenten der Abwehr zu den Briten überliefen, wurde Canaris im Februar 44 kaltgestellt und die Abwehr vom RSHA geschluckt. Obwohl Gegner eines Attentats, wurde er nach dem Anschlag von Stauffenberg am 23. 7. 44 festgenommen und nach langer Haft von einem SS-Standgericht kurz vor Einrücken der US-Armee im KZ Flossenbürg zum Tod verurteilt und gehängt. Canaris, nach E. v. Weizsäcker "eine der interessantesten Erscheinungen der Epoche", spielte seine konspirative Rolle im Hintergrund so virtuos, dass noch im Herbst 44 im RSHA gerätselt wurde, auf welcher Seite der Abwehrchef wirklich stehe. Das Zwielicht ist bis heute nicht ganz gewichen.