Wilna

    Aus Lexikon Drittes Reich

    nationalsozialistisches Getto für Juden, eingerichtet im September 41 in einem Ortsteil der litauischen Stadt Wilna (1938 ca. 208 000 Einwohner). Das Gelände war mit einer Mauer und Stacheldraht umgeben und von einer Straße in ein großes und ein kleines Getto unterteilt. Im großen "wohnten" etwa 45 000, im kleinen etwa 15 000 jüdische Menschen auf einem Gebiet, in dem vorher rund 4 000 Menschen gelebt hatten. Das Getto Wilna unterstand dem deutschen Stadtkommissariat, das Wachpersonal stellten SS und litauische Hilfspolizei. Es gab eine jüdische Getto-Verwaltung und eine jüdische Lagerpolizei (Ordnungsdienst). Die Insassen arbeiteten in Pelzfabriken, am Bahnhof, auf dem Flugplatz, beim Heereskraftfahrzeugpark, bei deutschen Dienststellen und in verschiedenen Werkstätten inner- und außerhalb des Gettos. Bei der Rückkehr von der Außenarbeit wurde am Tor kontrolliert. Wer Lebensmittel bei sich trug – anfangs noch geduldet – wurde misshandelt oder erschossen.

    Die Bevölkerung in Wilna wurde immer wieder durch Massenerschießungen, die v. a. Arbeitsunfähige betrafen (wöchentlich bis zu 1 000 Personen), stark verringert. Besonders Erschießungsaktionen größeren Umfangs waren nicht selten. So wurden z. B. am 1. 10. 41, zum jüdischen Feiertag Jom Kippur, mehrere tausend Juden nach Ponary getrieben und dort umgebracht. Mitte Oktober 41 löste man die Aufhebung des kleinen Gettos durch die Erschießung aller 15 000 Insassen. Ende Oktober 41 bekamen die Facharbeiter gelbe Arbeitsscheine, die auch für ihre Angehörigen galten. Am 24. 10. 41 wurden etwa 5 000-8 000 Juden, die keinen solchen Schein hatten, ausgesondert und in Ponary erschossen. Einem ähnlichen Massaker fielen vom 3.-5. 11. 41 weitere 3 000 Juden zum Opfer (so genannte "Aktionen der gelben Scheine"). Im Dezember wechselte man die gelben gegen rosa Arbeitsscheine aus und erschoss alle Getto-Bewohner, die keinen solchen vorweisen konnten ("Aktion der rosa Scheine").

    Bis August 43 kam es dann wiederholt wegen geringfügiger Vergehen zu Misshandlungen und auch Tötungen einzelner Juden; im übrigen trat jedoch eine leichte Normalisierung ein (Errichtung von Handwerksbetrieben, Eröffnung jüdischer Schulen und sogar Konzert- und Theateraufführungen). Im August 43 beschloss die deutsche Besatzungsmacht die Aussiedlung der Wilna-Insassen nach Est- und Lettland. Da sich keine Freiwilligen fanden, wurden zunächst rund 1 000 Juden auf dem Weg zur Arbeit festgenommen und nach Estland deportiert. Im September 43 durchkämmten Sicherheitskräfte das Getto vier Tage lang, holten 6 000 Personen – die vereinzelt Widerstand leisteten – aus ihren Verstecken und deportierten sie nach Estland. Häuser, aus denen geschossen worden war, wurden gesprengt, wobei zahlreiche Bewohner ums Leben kamen. Vom 23.-27. 9. 43 wurden schließlich die letzten Wilna-Insassen ergriffen und teils in die beiden Baltischen Staaten, teils ins Vernichtungslager Treblinka transportiert.

    Mitte September 43 waren etwa 1 500 Juden dem Heereskraftfahrzeugpark und weitere 1 500 den Pelzfabriken Kailis zugeteilt worden. Dort sonderte man am 27. 3. 44 die alten und kranken Männer und Frauen sowie alle Kinder aus und erschoss sie in Ponary. Dasselbe Schicksal ereilte die letzten Bewohner Anfang Juli 44. Am 12./13. 7. 44 erreichte die Rote Armee Wilna.