Winterhilfswerk

    Aus Lexikon Drittes Reich

    (WHW), im Krisenwinter 1931/32 entstandene Organisation zur Unterstützung von Erwerbslosen und Bedürftigen mit Geld, Lebensmitteln, Speisen, Kleidung und Feuerung. Getragen wurde das WHW im Zeichen der Weltwirtschaftskrise gemeinsam von privaten Wohlfahrtsverbänden, u. a. DRK, Paritätischer Wohlfahrtsverband, Deutsch-Israelitische Gemeinde, Arbeiterwohlfahrt, Innere Mission und Caritas, und staatlichen Fürsorgebehörden; die NSDAP organisierte schon vor 1933 konkurrierende Winterhilfsmaßnahmen. Mit Aufrufen von Hitler und Goebbels wurde am 13. 9. 33 das erste nationalsozialistische WHW 1933/34 eingeleitet. Obwohl offiziell als breit angelegte Organisation aller wohlfahrtspflegerischen Kräfte proklamiert, unterstand das WHW faktisch der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt (NSV) als dem mit einem Sammlungsmonopol ausgestatteten führenden Spitzenverband der freien Wohlfahrtspflege; die noch nicht gleichgeschalteten Organisationen wie die Innere Mission, die Caritas und das DRK spielten dagegen nur eine untergeordnete Rolle. Die enge Anbindung des - 1936 mit eigener Rechtsfähigkeit ausgestatteten - WHW an die NSV zeigte sich auch in seiner hierarchischen Parallelgliederung (Gau, Kreis, Bezirksstelle) und in der Personalunion auf den jeweiligen parallelen Amtsebenen.

    Die Aktivitäten des WHW waren vielfältig: Straßen- und Haussammlungen für Geld und Kleidung, monatlicher Eintopfsonntag, Lohn- und Gehaltsabzüge mit Zwangscharakter, Sammelbüchsen für einen "Winterpfennig" in Geschäften, Reichswinterhilfslotterie; Spendenaufkommen 1933/34-38/39: 2,5 Milliarden RM. Die Zuweisung der Unterstützung wurde in Zusammenarbeit mit den staatlichen Fürsorgebehörden über die Bezirksstellen abgewickelt. Der ursprünglich sehr weitgespannte Kreis der Spendenempfänger wurde bald auf politisch, rassisch und erbbiologisch "würdige Personen" eingegrenzt. Das WHW war als Kernbestandteil nationalsozialistischer Sozialpolitik unter verschiedenen Aspekten auf die innere Stabilisierung des Regimes und seine totalitäre Durchsetzung ausgerichtet: Es diente der Behebung der materiellen Not als vorrangiges Prestigeziel der Machthaber, der Mobilisierung und totalen, engmaschigen Erfassung der Menschen bis in die Privatsphäre der Wohnung hinein, der Stimulierung einer natürlichen Aufbruchstimmung, der Gleichschaltung und Selbstanpassung der freien Fürsorgeverbände, der propagandistischen Selbstdarstellung des für das WHW verantwortlichen Propagandaministeriums mit Hilfe von Film-, Zeitungs-, Plakat- und Rundfunkwerbung, dem Appell an "Volksgemeinschaft", "nationale Solidarität", "Opferbereitschaft" und der Dokumentation eines gruppen- und klassenübergreifenden "Tatsozialismus" (K. Kaufmann). Die Selektion von "Asozialen" und "rassisch und erbbiologisch Minderwertigen" und die Bekämpfung des "Bettelunwesens" machten das WHW aber auch zu einem Mittel der politisch-ideologischen Unterdrückung. Dauernde Belästigungen in der privaten und beruflichen Sphäre durch Spendenaufforderungen und die durch sie bedingten finanziellen Belastungen v.a. für untere Gehaltsgruppen führten zunehmend zu Überdruss und einer Abnahme der "freiwilligen" Spendenbereitschaft. Zahllose Beispiele für Macht- und Kompetenzstreitigkeiten sowie Doppelbetreuung zwischen NSV/WHW und staatlichen Behörden deuten auf einen grundlegenden und bis zuletzt nicht ausgetragenen Strukturdefekt des Dritten Reichs, den Dualismus zwischen Partei und Staat (Doppelstaat).