Wirtschaft

    Aus Lexikon Drittes Reich

    Die Wirtschaft gehörte - neben Partei, Bürokratie und Militär - zu den Grundsäulen der nationalsozialistischen Herrschaft. Ihre Geschichte kann in drei Phasen untergliedert werden:

    3-35/36

    Zu Beginn dieser Phase stand die Wirtschaft im Zeichen der großen Krise. Bei ihrer Überwindung spielte die Aufrüstung von Anfang an eine namhafte Rolle. Die entsprechende Weichenstellung erfolgte 1933/34, und zwar auf zwei Ebenen: Zum einen stiegen die Rüstungsausgaben (Aufrüstung) bereits 1934 auf 4,2 Milliarden RM, zum anderen nahm man strukturelle Veränderungen in der Produktion vor, um den in wenigen Jahren zu erwartenden höheren Rüstungsanforderungen gewachsen zu sein. Für die Öffentlichkeit standen 1933/34 nicht die Rüstungs-, sondern die Maßnahmen zur Arbeitsbeschaffung im Vordergrund. Besonders publikumswirksam waren zudem der Bau der Reichsautobahn und die Ehestandsdarlehen. Die Finanzierung der Aufrüstungs- wie der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wurde vorwiegend durch Geld- und Kreditschöpfung mittels der Mefo-Wechsel bewältigt.

    Auch im Außenhandel kam es aufgrund des Neuen Plans vom September 34 unter Reichsbankpräsident und Reichswirtschaftsminister Schacht zu gravierenden Veränderungen. Obwohl die Anfänge einer Neuorientierung in diesem Bereich schon auf die Präsidialkabinette zurückgehen, bewirkten erst die komplette Reglementierung des Außenhandels (inklusive Devisenbewirtschaftung) sowie die Bilateralisierung der Außenhandelsbeziehungen eine Verlagerung des Außenhandels vom atlantischen in den (südost-)europäischen Raum, die den deutschen Großraumplänen zugute kommen sollte.

    Die Wirtschaft wurde neu organisiert. In allen Bereichen (Industrie, Handwerk, Handel, Landwirtschaft) wurden die Betriebe zu hierarchisch (nach dem Führerprinzip) strukturierten Organisationen auf horizontaler wie auf vertikaler Ebene zusammengeschlossen. Im neuen "Reichsstand der deutschen Industrie" waren die Konzerne tonangebend. Sie profitierten zudem vom fortschreitenden Konzentrationsprozess in der Wirtschaft, der nicht zuletzt mittels Zwangskartellierungen und Pflichtgemeinschaften vorangetrieben wurde.

    Es ist immer wieder versucht worden, das Verhältnis von Industrie und nationalsozialistischer Führung theoretisch zu erfassen. Die Breite der Erklärungsansätze ist groß - allein schon innerhalb der Gruppe der Faschismustheorien. Sie reicht von der Annahme bestimmter funktioneller und struktureller (Wirkungs-)Zusammenhänge von Politik und Ökonomie (bei gleichzeitiger Vergrößerung des staatlichen Handlungsspielraumes) bis hin zur Annahme einer Interessenidentität zwischen "Monopolkapital" und faschistischer Führung. Im Unterschied zu den Faschismustheorien werden in den Totalitarismustheorien mehr der Zwangscharakter der "Gleichschaltung" und die politische Machtlosigkeit der Wirtschaft hervorgehoben.

    Die nationalsozialistische Führung verfügte über keine geschlossene Wirtschaftskonzeption. Sie orientierte sich jedoch an einigen Leitlinien: Beibehaltung des Privateigentums an den Produktionsmitteln (Ausnahme: Arisierung) bei gleichzeitiger Ausschaltung einer freien Arbeitervertretung in den Betrieben zum einen und Ausrichtung der Wirtschaft auf Rüstung und Autarkie im Zeichen expansionistischer Außen-(handels-)politik zum anderen. Mit diesen Grundlinien der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik stimmten die führenden Unternehmer weitgehend überein, was Konflikte auf konkreter Handlungsebene nicht ausschloss.

    5/36-38/39

    Diese Phase stand ganz im Zeichen des Vierjahresplans von 1936 und den damit verbundenen (im Vergleich zur vorhergehenden Phase) stark erhöhten Rüstungs- und Autarkieanstrengungen. Immer größere Teile der Volkswirtschaft wurden in das Rüstungs- und Autarkiekarussell in direkter und indirekter Weise einbezogen; erinnert sei in diesem Zusammenhang an die "landwirtschaftliche Erzeugungsschlacht", an die Entwicklung von Ersatzrohstoffen und an die ökonomisch unrationelle Ausbeutung und Verhüttung deutscher Eisenerzvorkommen. Die Vorgabe von Planzahlen und Leitlinien sowie die Ausarbeitung von "Kostenrichtsätzen" gaben den Rahmen ab, innerhalb dessen die (zum Teil hochsubventionierte) Rüstungsindustrie äußerst gewinnbringend wirtschaftete, so dass ein großer Teil der Investitionen durch Eigenkapital finanziert werden konnte. Dieses System führte sektoral zu beachtlichen Leistungssteigerungen, obwohl die Planzahlen (zum Teil bei weitem) nicht erfüllt werden konnten. Wenngleich sich die Abhängigkeit vom Ausland verringerte (relative Teilautarkie), so war die Rohstofffrage - ungeachtet der Rohstofflenkung - nach wie vor die wirtschaftliche "Achillesferse" des Regimes. Auch der Wehrwirtschaftliche Neue Erzeugungsplan von 1938, der sich auf einige wenige Produkte konzentrierte, blieb unter solchem Aspekt letztlich Stückwerk. Zudem waren die relativen Erfolge des Vierjahresplans schwer erkauft, wirtschaftliche Probleme traten auf verschiedenen Ebenen zutage: 1935/36 kam es zur ersten großen Devisenkrise. Die Devisenverknappung resultierte aus dem durch die Aufrüstung gestiegenen Bedarf an Devisen für bestimmte Rohstoffimporte, der weder durch Senkung der Nahrungsmittelimporte noch durch Steigerung der Exporterlöse "ausgeglichen" werden konnte. Probleme zeigten sich auch gegen Ende dieser Phase auf dem Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosigkeit war durch die binnenwirtschaftliche Rüstungskonjunktur in Arbeitskräftemangel umgeschlagen. Ungeachtet verschiedener Versuche der DAF zur Regulierung der Vergrößerung des Arbeitskräfteangebots hatten darunter als erste die Landwirtschaft sowie die (Konsum- und) Exportgüterindustrien zu leiden, während die Rüstungsindustrie mittels materieller Anreize (trotz Lohnstopp) damals noch ausreichend Arbeitskräfte anwerben konnte.

    Die Abwanderung der Arbeitskräfte in die Rüstungsindustrien war ein Zeichen für die zunehmende Disproportionalität der Wirtschaftssektoren. Seit 1936 fiel infolge gezielter staatlicher Investitionslenkung (z. B. durch Investitonsverbote in der Konsumgüterindustrie) etwa die Hälfte aller industriellen Anlageinvestitionen allein in den Bereich der durch den Vierjahresplan kontrollierten rüstungswichtigen Wirtschaftszweige. Die Einschränkungen in den Konsumgüterindustrien hatten zur Folge, dass die langsam anwachsende Kaufkraft der Bevölkerung trotz massiver Verbraucherbeeinflussung und Nachfragelenkung immer weniger durch ein adäquates Warenangebot befriedigt werden konnte. Insgesamt gesehen war diese Phase von einer versteckten Austerity-Politik gekennzeichnet. Die Wirtschaft produzierte schließlich weniger "Butter und Kanonen" - wie Göring einmal meinte -, sondern eher "Kanonen und Kunsthonig"; sie erbaute in erster Linie nicht Wohnungen, sondern Bunker und Befestigungsanlagen (z. B. Westwall).

    Zusehends wuchsen auch die Steuerungsprobleme der Wirtschaft: Ämter schossen wie Pilze aus dem Boden (Vierjahresplanbehörde), die ihrerseits mit dem System der Sonderbevollmächtigten konfrontiert waren. Dabei wurde einerseits eine partielle Flexibilität bei der Erfüllung spezifischer Wirtschaftsaufgaben erreicht, andererseits machten die Kompetenzstreitigkeiten die Wirtschaftsorganisation auch wiederum schwerfällig. In der Literatur hat sich für dieses Kompetenz"gestrüpp" der Begriff der "Polykratie" eingebürgert; und zwar für ein systemtypisches Phänomen von wildwüchsig auftretenden Interessen bei gleichzeitigem Abgehen von den Prinzipien einer von einer funktionierenden Bürokratie getragenen rationellen Herrschaft (im Sinne Max Webers). Ein weiteres Krisenfeld bildeten die Staatsfinanzen. 1938/39 waren die Gold- und Devisenreserven weitgehend erschöpft. Die Staatsschuld hatte sich in den wenigen Jahren nach 1933 verdreifacht. Die Mefo-Wechsel, letztlich ausgestellt als Wechsel auf die noch zu erobernden Rohstoff- und Absatzgebiete, drängten auf "Einlösung". Zur Diskussion steht die Frage, ob die genannten ökonomischen Krisenphänomene "nur" als Teilkrisen zu kennzeichnen sind oder ob die These berechtigt ist, dass sich die Einzelkrisen 1938/39 zu einem gewaltigen Krisensyndrom verdichtet haben, die den Zeitpunkt (nicht die Gründe) für den Kriegsausbruch als eine "Flucht nach vorne" erklären helfen. Lässt man sich auf die zuletzt genannte Annahme ein, so muss dann allerdings auch die noch immer weit verbreitete Auffassung, dass die Nationalsozialisten die Wirtschaftskrise 1933/34 überwunden hätten, neu überdacht werden: Denn dann hätte die Aufrüstung zwar die "alte" Wirtschaftskrise "überwunden", aber gleichzeitig den Kern für eine neue gelegt, die allerdings wegen ihres anderen Charakters (keine Arbeitslosigkeit) und aufgrund der weitgehend fehlenden Informationsmöglichkeiten der Öffentlichkeit nicht oder nur in Ansätzen bewusst geworden ist. Ein Wirtschaftsexperte wie Schacht, der die neue Politik in den ersten Jahren selbst an verantwortlicher Stelle mitgetragen hatte, sah allerdings ab 1935/36 sehr wohl die Krisengefahr voraus; vergeblich schlugen er und andere ein geringeres Aufrüstungstempo sowie verstärkte Bemühungen um eine größere Einbindung der deutschen Wirtschaft in den Weltmarkt vor. Seine Ablösung als Reichswirtschaftsminister und Reichsbankpräsident ist in diesem Zusammenhang zu sehen (Nachfolger Funk).

    8/39-45

    Die vor Ausbruch des Kriegs gesteigerten Wirtschaftsprobleme verringerten sich zunächst durch die siegreichen "Blitzkriege" und die anschließende wirtschaftliche Ausbeutung der beherrschten Länder. Sie wurde in unterschiedlicher Intensität und in unterschiedlichen Formen praktiziert, von staatlich getragener Plünderung (Osteuropa) bis zu nach außen hin "freiwilligen" Firmenzusammenschlüssen und -übernahmen (Nord- und Westeuropa). Den deutschen Konzernen oblag weitgehend die Durchführung. Auch das errichtete Treuhandsystem (z. B. in Polen) stand unter Führung der Konzerne. Darüber hinaus entwickelten die Wirtschaftsorganisationen und Großunternehmen für die eroberten bzw. noch zu erobernden Großwirtschaftsräume eigene Neuordnungsprogramme, die alle im Zeichen einseitigen Nutzens standen. Die siegreichen Feldzüge führten ferner dazu, dass sich die Produktionsstruktur in den ersten Jahren des Kriegs wenig veränderte. Erst die Niederlagen in Russland bildeten einen Einschnitt. In der Ära Speer wurde dann - wenn auch nicht immer konsequent durchgeführt - der Kurs auf eine totale Kriegswirtschaft eingeschlagen, nachdem schon unter Todt Veränderungen in der Wirtschaftsverwaltung vorgenommen worden waren, die dem Aufbau einer zentralen Wirtschaftsplanung dienten. In jener Phase stellte man dann auch verstärkt auf standardisierte Großserienproduktion des Kriegsmaterials um, während bis dahin die Erzeugung hochwertigen Materials bei kleineren Serien mittels Mehrzweck-Werkzeugmaschinen verbreiteter war. Die Einführung der Fließbandproduktion schuf die produktionstechnischen Voraussetzungen zum vermehrten Einsatz von Fremd- und Zwangsarbeitern sowie KZ-Häftlingen.

    Die zunehmende Bombardierung der deutschen Städte verlangsamte zwar den Produktionsausstoß (z. B. waren Industrieverlagerungen notwendig), aber die Zerstörungen selbst nahmen nicht jenes Ausmaß an, das dann unmittelbar nach Kriegsende vermutet wurde. Dagegen wuchsen seit 1943/44 die Schwierigkeiten in der Versorgung der Bevölkerung mit Wirtschaftsgütern, v. a. seit man nicht mehr auf Kosten der unterworfenen Nationen leben konnte. - Die Reichsmarkwährung war überdies bei Kriegsende restlos zerrüttet. Allerdings hatte der über Jahre währende Inflationsrückstau dieses Ergebnis nationalsozialistischer Wirtschafts- und Finanzpolitik bis zuletzt gut verschleiern können.

    Einst erwachsen aus einer großen Wirtschaftskrise, brach die nationalsozialistische Wirtschaft selbst notwendigerweise wie ein Kartenhaus zusammen, nachdem die einzige "Trumpfkarte auf Dauer", die Ausbeutung fremder Länder und Völker, nicht mehr stach. Gerade die Geschichte der nationalsozialistischen Wirtschaft kann aufzeigen, wie eng die Daten 30. 1. 33, 1. 9. 39 und 8. 5. 45 zusammengehören.