Zigeuner

    Aus Lexikon Drittes Reich

    im deutschen Sprachraum verbreitete diskriminierende Benennung der Sinti und Roma, Angehörige einer ursprünglich (z. T. immer noch) nomadisierenden ethnischen Minderheit, die zwischen 800 und 1000 n. Chr. aus Nordwestindien nach Europa wanderte. Seit dem 15. Jahrhundert zogen größere Gruppen von Sinti und Roma in die deutschsprachigen Gebiete, wo sie aufgrund der Fremdheit von Aussehen, Sprache und Kultur meist auf Misstrauen stießen, als Türkenspione verdächtigt und vom Reichstag 1496/97 erstmals für vogelfrei erklärt wurden. In den folgenden Jahrhunderten erließen die deutschen Staaten Hunderte von Edikten gegen die "Zigeuner", die als "Landplage", Kannibalen, Kindesräuber, Brunnenvergifter galten, in Treibjagden vertrieben, "gestäubt, gebrandmarkt" und ohne Verfahren hingerichtet werden konnten. Noch 1899 wurde in München eine "Zentrale zur Bekämpfung des Zigeuner-Unwesens" gegründet. Sie sammelte bis 1926 Daten, Bilder und Fingerabdrücke von über 14 000 Sinti und Roma.

    Die durch das "Gesetz zur Bekämpfung von Zigeunern, Landfahrern und Arbeitsscheuen" vom 16. 7. 26 ausgeweitete Verfolgung wurde nach 1933 von den Nationalsozialisten konsequent weitergeführt und durch eine scheinwissenschaftliche Zigeunerkunde ("Tziganologie") untermauert: Die "Zigeuner" wurden wegen ihrer "andersartigen asiatischen Vorfahren" als "rassisch minderwertig" eingestuft und vor der Mischung mit ihnen wurde gewarnt (Archiv für Rassen- und Gesellschaftsbiologie 1937/38). Ab Mitte der 30er Jahre beschäftigte sich eine "Rassenhygienische und Bevölkerungsbiologische Forschungsstelle" in Berlin-Dahlem unter Leitung des Tübinger Nervenarztes Robert Ritter mit "erbbiologischen Untersuchungen innerhalb eines Züchtungskreises von Zigeunermischlingen und asozialen Psychopathen" (finanziert u. a. von der Deutschen Forschungsgemeinschaft) und stellte fest, dass die so genannten "'1/4- und 1/8-Zigeuner" als "Bastarde" Träger "minderwertigen Erbgutes" seien: "hochgradig unausgeglichen, charakterlos, unberechenbar, unzuverlässig" (Ritter). Durch rassediagnostische Methoden wurden Tausende solcher "Zigeunerabkömmlinge" aufgespürt, die z. T. seit Generationen in die "reindeutsche" Bevölkerung integriert waren, in der Wehrmacht dienten oder gar NSDAP-Mitglieder waren. Sie wurden (im Gegensatz zu den meisten "jüdischen Mischlingen") in KZ eingeliefert. Mit einem Runderlass Himmlers begann am 8. 12. 38 die vollständige Erfassung der (in den Nürnberger Gesetzen nicht ausdrücklich erwähnten) Sinti und Roma, denen wie den Juden die Reichsbürgerschaft aberkannt wurde. Schon ab 1933 vielfach in Sammellagern zusammengefasst und ab 1936 immer häufiger in KZ (v. a. Dachau) verbracht, wurden sie mit "Umsiedlungserlass" vom 27. 4. 40 zu Tausenden in die Gettos des besetzten Polen deportiert. Mit dem Ziel der "totalen Liquidierung" befahl Himmler schließlich am 16. 12. 42 die Einweisung aller "Zigeuner" und "Zigeunermischlinge" in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Dort wurden sie vergast, Opfer des Programms "Vernichtung durch Arbeit", erlagen Seuchen oder starben nach Menschenversuchen, die u. a. Mengele an Zwillingspaaren ausführte oder die zur Erprobung neuer Methoden der Sterilisierung dienten. Insgesamt kostete die nationalsozialistische Verfolgung mindestens 220 000 Sinti und Roma das Leben.

    Lange kämpften die Überlebenden oft vergeblich um die Anerkennung als Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Ihre Leiden wurden von den Millionenzahlen der Endlösung verdeckt, die alten Vorurteile wirkten über das Ende des Dritten Reichs hinaus. Noch in den 70er Jahren arbeiteten deutsche Behörden mit Unterlagen des nationalsozialistischen Instituts für Rassenhygiene, die Münchener "Landfahrerzentrale" und andere Polizeidienststellen stützen sich z. T. auf Akten der "Reichszentrale zur Bekämpfung des Zigeuner-Unwesens". Der Völkermord an den Sinti und Roma wurde erst 1982 durch den damaligen Bundeskanzler Schmidt offiziell anerkannt. Erst in den 90er Jahren kam es zur Einweihung einiger Mahnmale zur Erinnerung an die von den Nationalsozialisten ermordeten Sinti und Roma. 1997 wurde unter der Beteiligung des Bundespräsidenten Roman Herzog ein Dokumentations- und Kulturzentrum der Sinti und Roma in Deutschland eröffnet, das sich dem Gedenken an die nationalsozialistische Verfolgung widmet.