Zukunftsromane

    Aus Lexikon Drittes Reich

    literarische Beschreibungen der Zukunft, in Deutschland nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg einer der wichtigsten Zweige der Unterhaltungs- und Massenliteratur. Eine Flut chauvinistischer Zukunftsromane beschrieb unter dem Motto "Revanche für Versailles", wie das Deutsche Reich mit technischen Wunderwaffen seine Vormachtstellung zurückerobert, andere Völker beherrscht, häufig die Monarchie wieder einführt ("1934 - Deutschlands Auferstehung", 1921 von Ferdinand Eugen Solf). Literarische Darstellungen, parawissenschaftliche und politische Mythenbildung verschmolzen miteinander. Zukunftsromane und politische Kampfschriften mystifizierten Atlantis und Thule als untergegangene und wiederkehrende arische Hochkulturen.

    Die deutschen Zukunftsromane haben wie kaum ein anderes Genre zur ideologischen Bodenbereitung des Nationalsozialismus beigetragen. Zahlreiche Autoren antizipierten in den 20er Jahren das Dritte Reich; gleich nach der Machtübernahme erschienen glorifizierende Prognosen: "Im Jahre 2000 im Dritten Reich" (1933, von Edmund Schmid, der u. a. beschrieb, wie Hitlers Nachfolger "Herr König" anlässlich seines 100. Geburtstags Scharen "weizenblonder", nackt- und milchbrüstiger Mütter paradieren lässt). Triviale Heftserien mit Zukunftsromanen propagierten Führergestalten ("Sun Koh, der Erbe von Atlantis", 1933-35; "Jan Mayen", 1936-38). In antisemitischen Parabeln wurden Juden zu ameisenartigen "Schmarotzern" verfremdet, die andere Planeten aussaugen (F. Freska: "Druso", 1931). In "Deutschland ohne Deutsche" malte H. Heyck 1929 aus, wie die letzten "Nordmenschen" die "verniggerte und verjudete" Weimarer Republik verlassen, um in Lappland die blonde Herrenrasse zu züchten, wofür in späteren Romanen das "Rasseamt von Asgard" zuständig war ("Atlantis"-Zyklus von E. Kiß, 1930-39).

    Die Zukunftsromane wurden von den Nationalsozialisten nicht gezielt gefördert (einzelne Titel wegen übersteigerter Rassenzuchtthesen sogar verboten), da die detaillierte Zukunftsplanung nur durch den Führer selbst zu erfolgen hatte; dennoch erreichten insbesondere die technisch-chauvinistischen Zukunftsromane um 1940 Höchstauflagen (Dominik), waren nicht nur Lieblingslektüre jugendlicher Leser, sondern gingen als Sonderdrucke und "Weihnachtsgaben" in Millionenauflagen an die Front.