Zwanzigster Juli

    Aus Lexikon Drittes Reich

    (1944), Tag des gescheiterten Attentats auf Hitler im Führerhauptquartier bei Rastenburg (Ostpreußen). Nach mehreren vergeblichen Anläufen im Herbst 38, Winter 39/40 und 43 verdichteten sich unter der tatkräftigen Koordination und generalstabsmäßigen Planung durch Oberstleutnant i. G. Stauffenberg (ab 1. 7. 44 Oberst und Stabschef beim Befehlshaber des Ersatzheers, Generaloberst Fromm, in Berlin) ab Herbst 43 die Vorbereitungen höherer Militärs, ehemaliger Politiker, Gewerkschaftler und Diplomaten zum Staatsstreich. Der Entschluss zum aktiven Widerstand wurzelte in der politisch-moralischen Ablehnung der deutschen Kriegführung und Besatzungspolitik besonders im Osten und der Behandlung der Juden, in Zweifeln an der Führungsqualität Hitlers und im Bewusstsein der Kriegswende.

    V. a. die Militärs standen vor dem Dilemma, bei Gelingen eines Staatsstreichs nach innen dem Volk die drohende Niederlage und den Bankrott des Regimes überzeugend demonstrieren und zugleich nach außen noch ausreichend Spielraum für einen ehrenvollen Waffenstillstand trotz der alliierten Forderung nach Bedingungsloser Kapitulation verteidigen zu müssen. Sie riskierten sogar bewusst eine neue "Dolchstoßlegende". Unmittelbares Ziel der Verschwörer waren Beseitigung Hitlers, Übernahme der Gewalt im Reich durch die Wehrmacht nach Auslösung des Befehls "Walküre", Festsetzung der Staats-, Partei-, SS-, SD- und Gestapoführung, Wiederherstellung von Recht und Freiheit, Unterstellung der KZ unter eigene Hoheit, Einsetzung einer vorläufigen Staatsgewalt (Reichsverweser L. Beck, Reichskanzler Goerdeler, Vizekanzler Leuschner, Innenminister Leber, Außenminister Hassell, Oberbefehlshaber der Wehrmacht Generalfeldmarschall Witzleben) und sofortige Einleitung von Sonderfriedensverhandlungen im Westen.

    Die frühe Zerschlagung von Widerstandszentren durch die Gestapo (Januar 44 Verhaftung Moltkes als Führer des Kreisauer Kreises, Februar 44 Entmachtung Canaris' als Chef der Abwehr), die steckbriefliche Enttarnung Goerdelers am 18. 7. 44 und die Verhaftung von Leber und Reichwein sowie die dramatisch schnelle Einengung des deutschen militärisch-politischen Handlungsspielraums nach der alliierten Landung in der Normandie (6. 6. 44) und dem sowjetischen Durchbruch an der mittleren Ostfront zwangen die Verschwörer nach zwei Aufschüben am 11. und 15. 7. schließlich am 20. 7. zum Losschlagen. Dabei übernahm Stauffenberg die überaus schwierige Doppelrolle als Attentäter und Leiter des Staatsstreichs in Berlin. Widrige Umstände im Führerhauptquartier (Lagebesprechung in einer Holzbaracke statt, wie üblich, in einem Bunker, ungünstige Platzierung der Aktentasche mit der Zeitzünderbombe) führten dazu, dass Hitler das Attentat nur leicht verletzt überlebte und die von General Fellgiebel verordnete Nachrichtensperre zu schnell aufgehoben wurde. Dies hatte verhängnisvolle Folgen für die Berliner Leitzentrale des Staatsstreichs im Gebäude des OKH in der Bendlerstraße (heute Stauffenbergstraße). Hier lag die Initiative bei Witzleben, Generaloberst Hoepner, General Olbricht (Chef des Heeresamts) und nach seiner Rückkehr aus Rastenburg (Abflug 13.15, Ankunft Berlin 15.45 Uhr) v. a. bei Stauffenberg. Er war überzeugt, Hitler getötet zu haben, obwohl er die Baracke wenige Minuten vor der Detonation verlassen hatte. Nach Ausgabe des Stichworts "Walküre" um 16 Uhr formierten sich jedoch auf die Nachricht vom Überleben Hitlers regimetreue Gegenkräfte um das Berliner Wachbataillon unter Major Remer und unter der Initiative von Keitel. Gegen 23 Uhr war der Putsch in Berlin gescheitert; Stauffenberg, Olbricht, Oberleutnant W. v. Haeften und Oberst Mertz v. Quirnheim wurden noch in der gleichen Nacht "standgerichtlich" erschossen; auch Beck wurde nach vergeblichem Selbstmordversuch getötet. Zeitweilig erfolgreich war der Staatsstreich lediglich in Paris (unter dem einsatzfreudigen Militärbefehlshaber Frankreichs, General Stülpnagel), Wien, Prag, Kassel und Frankfurt verlaufen. Der Blutjustiz des Volksgerichtshofs fielen in den Monaten nach dem Zwanzigsten Juli etwa 200 Verschwörer zum Opfer, etwa 7 000 wurden verhaftet.

    Die Gründe für das Scheitern des Zwanzigsten Juli sind vielfältig: V. a. zählt dazu die Tatsache, dass Hitler überlebte und sich keine profilierten Frontkommandeure mit ihren Truppen zur Verfügung stellten; auch ein gewisses Zaudern vieler Verschwörer in Berlin, die Überforderung Stauffenbergs durch seine Doppelfunktion, die Nichtbesetzung des Rundfunks, das Misslingen der Festnahme von Goebbels und die zu frühe Aufhebung der Nachrichtensperre über Rastenburg dürften eine wichtige Rolle gespielt haben. Der Zwanzigste Juli hat trotz seines Scheiterns durch den hohen Mut seiner Opfer und ihre moralische Integrität ein bis in unsere Gegenwart fortwirkendes Zeugnis für das "andere Deutschland" hinterlassen: "Es kommt nicht mehr auf den praktischen Zweck an, sondern darauf, dass der deutsche Widerstand vor der Welt und vor der Geschichte den entscheidenden Wurf gewagt hat" (Tresckow).